1. „Tiere, die dem Kaiser gehören“: Die Ordnung der alten chinesischen Enzyklopädie (Michel Foucault)

In „Die Ordnung der Dinge“ zitiert Foucault eine, von Jorge Luis Borges übernommene, alte chinesische Enzyklopädie, die alle bekannten Tiere der Welt in folgendes, vermeintlich allumfassendes Ordnungsschema bringt:

 „a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörende, i) die sich wie Tolle gebärden, j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, k) und so weiter, l) die den Wasserkrug zerbrochen haben,  m) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“

(Foucault 1994, 17.)

Für moderne Ohren klingt eine – in dieser Form ohnehin ironisierte – Typisierung dieser Art willkürlich und absurd, sie bringt aber die Frage nach den Grenzen unseres Denkens und den latenten Ordnungsformen und Kategorisierungsgewohnheiten unserer Welt ins Spiel, indem sie diese konkrete Ordnungsbewegung durch die Form der Ironie radikal kontingent setzt.

 „Was ist eigentlich für uns unmöglich zu denken? […] Nicht die Fabeltiere sind unmöglich – sie werden als solche bezeichnet –, sondern der geringe Abstand in dem sie neben den Hunden, die herrenlos sind, oder den Tieren, die von weitem wie Fliegen aussehen, angeordnet sind. […] Was unmöglich ist, […] ist der Platz selbst, an dem sie nebeneinander treten könnten. Die Tiere […] könnten sich nie treffen, außer in der immateriellen Stimme, die ihre Aufzählung vollzieht, außer auf der Buchseite, die sie wiedergibt. Wo könnten sie nebeneinandertreten, außer in der Ortlosigkeit der Sprache?“

(Foucault 1994, 17ff.)

Foucaults Zitat ist für tierethische bzw. tierphilosophische Belange von Interesse, weil es auf charmante Weise die Frage stellt, welche Ordnungsformen von Tieren einerseits zu unauffälligen Konventionen geronnen sind (beispielsweise die Einteilung in Haus- und Nutztiere oder die Kategorisierung entlang biologischer Taxonomien) und welche Grenzen des ordnenden Denkens andererseits so fremd wirken, dass ihre Annahme kaum konsensfähig erscheint. Leider sind unsere eigenen Ordnungsbestrebungen im Regelfall kaum dermaßen offensichtlich und viel stärker einnormalisiert. Ihnen gegenüber ist – mit Foucault gesprochen – ein stärkeres archäologisches Bemühen angebracht, das darauf abzielen muss, die unausgesprochenen Voraussetzungen unseres Denkens aufzudecken.

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