4. Tobende Katzen & nachdenkliche Schimpansen: Die unausgesprochenen Voraussetzungen der Verhaltensforschung (Bertrand Russell)

Die Naturwissenschaft verdankt einen nicht unbedeutenden Teil ihrer Reputation dem Ideal objektiver Ergebnisse, die sie mittels ihrer empirischen Methodik in Aussicht stellt. Auch die Tierphilosophie hat vielfach auf Ergebnisse der Verhaltensforschung zurückgegriffen. Mit dem Verweis auf diese Ergebnisse schien sie sich gegen den Vorwurf der Befangenheit und der einseitigen Betrachtung absichern und so ihre eigenen Ergebnisse besser validieren zu können. Dass allerdings auch die Experimente naturwissenschaftlich-angeleiteter Verhaltensforschung von unausgesprochenen und beeinflussenden Voraussetzungen abhängen können, hat der englische Philosoph Bertrand Russell einmal ironisch-pointiert in Bezug auf zwei verschiedene Tierexperimente zum Ausdruck gebracht. Er kommentierte zwei verhaltensbiologische Versuche, die etwa zeitgleich an verschiedenen Tierarten durchgeführt wurden. Die erste Versuchsanordnung aus der Feder des US-amerikanischen Behavioristen Edward L. Thorndike stellt eine sog. Puzzle-Box, einen mit mechanischen Öffnungsmechanismen versehenen Käfig dar, in den eine Katze gesetzt wurde. Die Katze fand in der Regel durch meist sehr wildes, ungestümes und mit zunehmender Aggression und Angst verbundenes Verhalten den Öffnungsmechanismus (Thorndike 1930). Im zweiten Versuch waren statt der Katzen Schimpansen als Protagonisten vorgesehen, diese befanden sich in einem Raum, an dessen Decke einige Bananen in einer für die Schimpansen nicht zu erreichenden Höhe befanden, ebenso wurde einige Bambusrohre im Raum verteilt. Der deutsche Verhaltensbiologe Wolfgang Köhler beschrieb, wie einer der Schimpansen die Bambusstäbe zunächst lange und bedächtig beobachtete, dann zaghaft zusammenstecke und mit den kombinierten Stäben schließlich die ersehnten Bananen erreichen konnte (Köhler 1926). Auf die Voraussetzungen dieses scheinbar objektiv gewonnenen Wissens über die Handlungsformen der verschiedenen Tierarten macht Russells Kommentar aufmerksam, er schreibt dazu:

„Alle Tiere, die […] beobachtet worden sind, […] zeigen sämtlich die nationalen Eigenschaften des Beobachters. Tiere, die von Amerikanern untersucht wurden, stürmen wie wahnsinnig heran, mit einem unglaublichen Schwung und mit Lebhaftigkeit, und erreichen dabei durch Zufall das gewünschte Resultat. Tiere, die von Deutschen beobachtet wurden, sitzen dagegen ruhig, denken nach und entwickeln letztlich die Lösung des Problems aus ihrem inneren Bewusstsein heraus.“

(Russell, zit. nach Bundiansky 2003)

Was Russell hier, wenn auch mit einiger Ironie, zum Ausdruck bringt, ist wesentlich die Tatsache, dass das, was wir beobachten, nicht neutral ist, sondern maßgeblich von unseren Erwartungen, kulturellen Prägungen und Wissenschaftsparadigmen abhängt. Eine kritische Distanz scheint demnach auch gegenüber allen vermeintlich objektiven Ergebnissen abgebracht.

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