5. Elektrische Schafe & Fledermäuse, deren Sein wir nicht nachempfinden können (Philip K. Dick und Thomas Nagel)

1968 erschien Philip K. Dicks Roman Do Androids dream of electric sheep?, verfilmt von Ridley Scott unter dem Titel Blade Runner (1982). In einer Welt (es geht um das Jahr 2019), die von Replikanten bedroht wird, die dem Menschen äußerlich identisch, aber körperlich weit überlegen sind, hängt das Überleben der Menschen von ihrer Fähigkeit ab, zwischen Mensch und Maschine unterscheiden zu können. Dazu greifen die Blade Runner auf eine Art Turing-Test zurück, der die Replikanten, die sich verbotener Weise unter die Menschen gemischt haben, aufspüren soll. Gleich zu Beginn des Films befragt der Blade Runner Holden den potenziellen Replikanten Leon, um herauszufinden, ob dieser zu menschlichen Emotionen und vor allem zu Empathie fähig ist (in dieser Situation geht es sogar um die Empathie gegenüber einem Tier!). Sowohl das Buch als auch der Film lassen keinen Zweifel daran, dass die Eindeutigkeit in der Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine, die hier in der menschlichen Empathiefähigkeit gesehen wird, mehr als brüchig ist. In einer der abschließenden Szenen erweist sich der Replikant Roy als einfühlsamer als sein Jäger, dem er zudem das Leben rettet. Roy stirbt, nicht aber ohne seinem Gegenüber zuvor einzuschärfen: „Quite an experience to life in fear, isn’t it? That’s what it is to be a slave.“ So bleibt der Blade Runner Deckard (den der Film selbst immer wieder dem unausgesprochenen Verdacht ausliefert, ein Replikant zu sein), mit seinen Fragen zurück: “I don’t know why he saved me. Maybe in those last moments he loved his life more than he ever had before. Not just his life, anybody’s life, my life. All he’d wanted were the same answers the rest of us wants.”

Wir wissen nicht, ob Thomas Nagel mit Roys Statement „That’s what it is to be a slave“ vertraut war, als er seinen bekannten Aufsatz „What it is like to be a bat“ (1974) schrieb. Die Parallelen in den Fragerichtungen sind dennoch augenfällig. Der Frage, ob die sog. Qualia, also die subjektspezifischen Erlebniszustände, über naturwissenschaftliche Methoden reduktionistisch zu erklären seien, erteilt Nagel eine abschlägige Antwort: Auch wenn wir den Echolot-Sinn der Fledermäuse auf dem Papier nachvollziehen können, bleibt deren phänomenales Bewusstsein und  subjektives Erleben für uns immer unerreichbar und einzigartig, insofern sie von keiner anderen Art nachvollzogen werden können. Nicht ganz zu Unrecht hat man Nagel daher auch als den „Kant der Tiere“ bezeichnet. Die Aussicht, jemals ein artverschiedenes Bewusstsein zu verstehen, tendiert Nagel zufolge damit gegen Null, und jeder Versuch, diesen erkenntnistheoretischen Abgrund dennoch überbrücken zu wollen, führt womöglich in den Bereich eines Anthropomorphismus. Was für die Epistemologie enttäuschend klingt, eröffnet für die Tierethik andererseits ein solides Argument: Wenn dort etwa über das fehlende Schmerzempfinden von Fischen oder die eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten von anderen Tieren spekuliert wird, um auf diesem Weg deren Instrumentalisierung zu rechtfertigen, liefert Nagel diese Positionen einen wohltuenden erkenntnistheoretischen Vorbehalt aus, der die Frage nach den tierlichen Bewusstseinszuständen methodisch bewusst ausklammert.

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Ein Kommentar zu “5. Elektrische Schafe & Fledermäuse, deren Sein wir nicht nachempfinden können (Philip K. Dick und Thomas Nagel)

  1. Zum Beitrag „Elektrische Schafe & Fledermäuse, deren Sein wir nicht nachempfinden können (Philip K. Dick und Thomas Nagel)“, hier insbesondere zur Schlussbemerkung “ Was für die Epistemologie enttäuschend klingt, eröffnet für die Tierethik andererseits ein solides Argument: Wenn dort etwa über das fehlende Schmerzempfinden von Fischen oder die eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten von anderen Tieren spekuliert wird, um auf diesem Weg deren Instrumentalisierung zu rechtfertigen, liefert Nagel diese Positionen einen wohltuenden erkenntnistheoretischen Vorbehalt aus, der die Frage nach den tierlichen Bewusstseinszuständen methodisch bewusst ausklammert“:
    Umgekehrt könnte freilich auch argumentiert werden, dass Tier-Ethik als Zuschreibung von Rechten sowohl auf pathozentrischer Basis wie vor allem auch im Rahmen von Überlegungen zu so etwas wie einer Personalität von Tieren bereits aus begriffslogischen Gründen zum Scheitern verurteilt sein könnte. Anders ausgedrückt: wenn nach Nagel fehlendes Schmerzempfinden nicht ins Feld geführt werden kann, dann kann von einer pathozentrischen Ethik vielleicht überhaupt nicht gesprochen werden.
    Zu den Aufgaben der Tierphilosophie gehört es sicherlich, eben diese Schwierigkeiten zu beleuchten, ohne nur aporetisch zu bleiben.

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