6. „Nilpferd, Teddie, Mammut“: Theodor W. Adorno & Max Horkheimer

Denkt man zunächst nur an die tierhaften Spitznamen, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno  füreinander verwendeten („Teddie“, „Nilpferd“, „Mammut“), könnte die grundlegende Ernsthaftigkeit, mit der sie sich innerhalb der sog. Kritischen Theorie auch dem Tier widmeten, schnell zugunsten einer oberflächlichen Sentimentalität aus dem Blick geraten. Tatsächlich aber liegt mit den Texten der beiden Autoren einer der wortmächtigsten und eindrücklichsten Entwürfe vor, der sich aus philosophischer bzw. soziologischer Perspektive dem, was wir Tier nennen, zugewandt hat.  In ihren historischen Ursprüngen kann die Kritische Theorie als Aufarbeitung des Faschismus verstanden werden, dessen gedankliche Ausläufer auch die nur vermeintlich aufgeklärte und historisch-immunisierte spätkapitalistische Gesellschaft der Nachkriegszeit überschattete. Adorno und Horkheimer traten in dieser Situation an, um nach wie vor vorhandene soziale Pathologien aufzuzeigen, was so viel bedeuten sollte wie ausbeuterische, herrschaftsdurchzogene Verhältnisse innerhalb der Gesellschaft aufzudecken und ihre Genese und Änderungsmöglichkeiten zu analysieren. In diesem Kontext stellt die Mensch-Tier-Beziehung als Gewaltverhältnis eines der blutigsten Resultate der Geschichte der Rationalisierung und Perfektionierung von Herrschaftstechniken dar, die aus der Domestikation der inneren wie äußeren Natur hervorgegangen sind. Mit der Tierethik verbinden Horkheimer/Adorno auf dieser Grundlage zunächst die große Sympathie gegenüber Emanzipationsbewegungen, deren Anspruch sie auch für Tiere geltend machen:

 „In entscheidenden Zügen sind wir dasselbe wie die Tiere […] und mögen uns als ihr natürlicher Anwalt fühlen, wie der glücklich befreite Gefangene gegenüber den Leidgenossen, die noch eingeschlossen sind.“

 Die hier angesprochene Nähe zwischen Mensch und Tier sehen Adorno und Horkheimer dabei allen voran in der „Schmerzverwandtschaft“, einem Äquivalent zum Pathozentrismus-Argument. Das tierliche Leiden (Peter Sloterdijk wird dazu vom „Schmerz-Apriori“ sprechen) betrifft uns demnach unmittelbar und noch vor jeder kognitiven Aufarbeitung unserer Wahrnehmung.

 „Mit den Tieren, besonders mit den Herdentieren, teilt der Mensch die menschlichen Züge […], Freude, Trauer, Sehnsucht, alles Unmittelbare. Zur völligen Unterschiedslosigkeit steigert sich diese Verwandtschaft in der Erfahrung des Schmerzes, denn im  Schmerz […] wird jeder jedem gleich, Mensch und Mensch, Mensch und Tier.“

 Beide Zitate: M. Horkheimer, Nachgelassene Schriften, Ges. Werke Bd. 14, Ffm 1988, 121.

 Diese Nähe zum „Gegenstand“ Tier, die vor dem naturwissenschaftlichen Paradigma der Moderne gerade als unwissenschaftlich erscheinen muss, ist der Kritischen Theorie jedoch kein Dorn im Auge, sondern wird bewusst eingegangen. Hinter ihr steht die tiefere Einsicht, dass die Idee, von den anderen getrennt zu sein wie der Forscher in seinem Labor von seinen Objekten, vielleicht den fundamentalsten Irrtum unserer Zivilisation ausmacht, der allein unsere sagenhafte Gleichgültigkeit gegenüber dem massenhaften Tod der Tiere und der Natur erst möglich macht.

 Mit dem sog. „Wolkenkratzer“-Text haben beide Autoren beinahe poetisch die soziologische Sicht auf die Tiere als einem Teil unserer Gesellschaft dargestellt. Er beschreibt einen Querschnitt durch unsere Gesellschaft, an deren Ende sich auch die Tiere wiederfinden:

„Dieses Haus, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale ist, gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht auf den gestirnten Himmel.“

M. Horkheimer: Dämmerung. Notizen in Deutschland (1931-34), in: Ges. Schriften, Bd. 2, Ffm 1987, 379f.

Dass Tiere hier dezidiert das soziale Fundament bilden, zeigt besonders deutlich: Die Kritik an der Erniedrigung und Ausbeutung tierlicher Individuen ist weder ein zu vernachlässigender, sekundärer Aspekt inmitten der sozialen Wirklichkeit, noch eine unter dem Gesichtspunkt von „Sentimentalität zu ignorierende Marginalie, sondern integraler Bestandteil einer multidimensionalen Herrschaftskritik.

Ein Kerngehalt der Kritischen Theorie wird in der Regel in der Begrifflichkeit der „Dialektik der Aufklärung“ gesehen. Mit der Aufklärung knüpfen sie an die historische Epoche der Vernunftdurchdringung und Emanzipation, jenem Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit an, an der Adorno und Horkheimer zwar festhalten, diese aber in einer dialektischen Bewegung begriffen verstehen: Der Versuch, den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, führt immer auch wieder in neue Abhängigkeiten, wenn sich etwa das Konzept der wiss.-technischen Naturbeherrschung gegen den Menschen selbst wendet: Rationalisierung und Zweckdenken koinzidieren gerade nicht mit dem Glück der meisten Menschen, sondern führen, so die radikale Folgerung der beiden Autoren, im Letzten in die Todesfabriken der Nationalsozialisten. Wenn sich Vernunft auf diese Weise von ihrem werthaltigem Kern entfernt, degeneriert sie zu einer Form, die als „instrumentelle Vernunft“ eine zu bloßem Zweckdenken verkürzte Rationalität beschreibt. Dieses rechnerische Zweckdenken findet sich auch in Gestalt des Positivismus, jener Tendenz der Aufklärung, jeden besonderen Gegenstand unter das Allgemeine zu subsummieren. So sei die Moderne vollständig von der Idee der Äquivalenz durchdrungen: Die Verrechenbarkeit aller Dinge durch Geld, d. h. die Idee des abstrakten Tauschwerts, vereinheitlicht die Welt auf gleiche Weise wie die quantifizierende Wissenschaft. Dieses Denken kulminiert für Adorno im Positivismus; der alle Möglichkeitshorizonte verstellende „Mythos dessen, was der Fall ist“, errichtet einen absoluten Immanenz-Zusammenhang der Faktizität. Im Mittelpunkt des Positivismus steht außerdem die bereits angesprochene scharfe Trennung von Subjekt und Objekt. Deren Distanz markiert zugleich die Distanz einer Herrschaft, deren Ansprüche aber scheitern: Die vollständige Verdinglichung der Objekte fällt auf das verdinglichende Subjekt zurück; d.h. um das Tier vollständig zu verdinglichen, muss der Mensch auch die Verdinglichung seiner selbst in Kauf nehmen. Der Drang, alles Fremde zu verdinglichen, den Adorno und Horkheimer dem modernen Menschen unterstellen, entspringe einer Angst, die mit einer Form der Erfahrungsunfähigkeit vergleichbar sei. Der Positivismus (der sich selbst als empirisch-arbeitend versteht) wäre demnach eine Immunisierungsstrategie gegenüber der Erfahrung des Fremden als dem Fremden in seiner Fremdheit, die Angst vor dem Nichtidentischen, dem Unvorhersehbaren, der Natur. In der „Dialektik der Aufklärung“ bringen die beiden Autoren diesen Gedanken und die Konsequenzen für den modernen Umgang mit den Tieren zum Ausdruck:

Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernunft beweisen sie die Menschenwürde. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit ist der Gegensatz von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens […] hergebetet worden, dass er wie wenige Ideen zum Grundbestand der westlichen Anthropologie gehört. […] Die Behavioristen haben ihn bloß scheinbar vergessen. Dass sie auf die Menschen dieselben Formeln und Resultate anwenden, die sie, entfesselt, in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen, bekundet den Unterschied auf besonders abgefeimte Art. Der Schluss, den sie aus den verstümmelten Tierleibern ziehen, passt nicht auf das Tier in Freiheit, sondern auf den Menschen heute. Er bekundet, indem er sich am Tier vergeht, dass er, und nur er in der ganzen Schöpfung, freiwillig so mechanisch, blind und automatisch funktioniert, wie die Zuckungen der gefesselten Opfer, die der Fachmann sich zunutze macht. […] Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier, aus dem er den blutigen Schluss zieht, hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zur Flucht, die ihm abgeschnitten ist. Der Mangel an Vernunft hat keine Worte.

Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, Philosophische Fragmente, Ffm 1981, 219.

Damit werden die zuvor genannten Thesen unterstützt: Aus der verstümmelten Vernunft und einer allein an Zweckrationalität ausgerichteten Industriegesellschaft geht letztlich eine Gewalt des Vernünftigen gegen das vermeintlich Schwächere, Unvernünftigere hervor. Aber mehr noch: Letztlich wird diese degenerierte Vernunft auch unbarmherzig gegen die Menschen selbst, die ihre Freiheit durch die behavioristische Reduktion faktisch ad absurdum führen. Die Behavioristen im Text werden sich weder ihrer reduktionistischen Prämissen noch des bloß fiktiven Erkenntniswerts dieser Resultate bewusst. Begründungstheoretisch müsste man angesichts dieser Feststellung fragen, wieso Tiere allgemein unter das zweckrationale Verdikt des Utilitarismus fallen, während Menschen allgemein mit der Würde die Annehmlichkeiten einer deontologischen Ethik genießen.

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