7. Das Tier als Wort bei Jacques Derrida: Das „l’animot“

Jacques Derridas Anknüpfungspunkt für die Beschäftigung mit dem Tier (hier zunächst als Gattungsbezeichnung) nimmt seinen Ausgang in der Begegnung mit seiner eigenen Katze:

 „L‘animal nous regarde, et nous sommes nus devant lui. Et penser commence peutêtre là.“ (L’animal que donc je suis, 279.)

In der plötzlichen Blickbegegnung – die Katze “ertappt” ihn, als er aus der Dusche kommt – bricht ein Moment der Anerkennung auf, der im Moment des Wechselspiels des ausgetauschten Blicks zwischen Tier und Mensch seinen Anfang nimmt. Anhand dieses Blickes ordnet Derrida die Geschichte westlicher Philosophie dem Paradigma der übersehenen Spur des blickenden Tieres zu. Derrida beschreibt seine Begegnung zunächst als ein Moment der Scham, eine vom fiktionalen oder realen Blick ausgelöste Reaktion gefühlter Blöße und des ungewollten Ausgeliefertseins. Er hält fest: Diese intuitive Scham ist abhängig vom Gegenüber und dessen Einschätzung; einem als gleichgültig eingeschätztem Objekt gegenüber kann nur schwerlich Scham empfunden werden. Scham wertet das oder den Gegenüber vielmehr auf, sie setzt Achtung voraus und wirkt zwischen mindestens hierarchisch Gleichgeordneten. Der schamerzeugende Blick setzt voraus, dass man vom Blick tatsächlich getroffen wird, er muss als Einbruch in die eigene Erfahrungswirklichkeit wahrgenommen werden, kann nicht kontrolliert oder nach eigenem Belieben gesteuert werden; er versetzt dem Empfänger in einen Status erzwungener Passivität. Elias Canetti hat dieses Blick-Erlebnis ebenfalls beschrieben: Der Mensch, der gewohnt ist, Tiere initiativ anzusehen (der Zoo bildet die entsprechende Institution dieser monodimensionalen Blickrichtung), wird hier auf eine fast vergessene Perspektive aufmerksam: Wenn die Tiere meist immer die Beobachteten sind, musste die Tatsache, dass auch sie den Menschen anblicken können, in Vergessenheit geraten. Derrida analysiert nun dieses Getroffensein vom Blick zunächst vom subjektiven Erleben seiner selbst her: Er empfindet Scham angesichts des Blicks der Katze. Dieser Scham erster Ordnung folgt nun in seiner Darstellung noch einmal ein Gefühl von Scham, jedoch deutlich anders motiviert. Wurde die Scham erster Ordnung noch reflexartig als Gefühl des Ertapptseins gegenüber dem fremden Blick eingeordnet, verhält sich die Scham zweiter Ordnung demgegenüber bereits reflexiv: Sie reagiert, wiederum mit einem Gefühl der Scham, auf das in der Scham erster Ordnung enthaltene, vermeintlich irrationale Zugeständnis an die Katze. Als in der Natur aufgehendes Tier scheint die impulsive Scham ihr gegenüber unangebracht, und wird durch die Scham zweiter Ordnung direkt sanktioniert: Rational gibt es keinen Anlass, angesichts eigener Blöße Scham gegenüber der Katze zu empfinden, und doch gesteht die affektive Scham erster Ordnung dem Tier einen zumindest gleichwertigen Status mit dem entsprechenden Bewusstsein zu. Damit wird deutlich, dass das Bewusstsein von Nacktheit hier als Chiffre für das steht, was den Menschen vom Tier trennt, und bietet den Anlass für Derrida, dieser Trennung genauer nachzuspüren.

BildEr findet jenes trennende Moment in der Sprache, genauer in den Konsequenzen der menschlichen Sprachfähigkeit und tierlichen Sprachunfähigkeit, da sie es scheinbar ist, was den Menschen empirisch feststellbar und gleichzeitig normativ signifikant vom Tier unterscheidet und so die Möglichkeit generiert, das sprachlose Tier zur definitorischen Kontrastfolie des Menschlichen zu machen. Auf diese Weise wird eine normative Trennung apriorisiert, die jedoch zumindest vor einem kulturhistorischen Hintergrund kontingenten Charakter besitzt. Derrida arbeitet diese Überlegungen auf, indem er das abendländische Denken dem Verdacht des Logozentrismus aussetzt, also der Fortführung von unterschwellig in der Sprache vorhandenen Machtdiskursen. Insbesondere die westlichen phonetischen Schriften, bei denen sich nicht, wie etwa in asiatischen oder ägyptischen Schriften, ein Symbol zwischen Signifikat und Signifikant schiebt, suggerieren eine direkte Durchgriffsmöglichkeit vom Signifikant auf das Signifikat und unterschlagen dabei deren Differenz, indem das Zeichen als Zeichen selbst unsichtbar gemacht wird.

BildDer lit. Figur des Goethaer Professors Galetti zugeschriebene Ausspruch, dass das Schwein seinen Namen zu Recht trage, da es doch wirklich ein sehr unreinliches Tier sei, macht diese fatale Verwechslung auf humoristische Weise deutlich. Die sich hier andeutende Verbindung von Signifikat und Signifikant, die Ferdinand de Saussure innerhalb seines bilateralen Zeichenmodells als arbiträr ausweisen konnte, scheint hier unter den Tisch zu fallen und der Vorstellung gewichen, dass bereits die reine Lautfolge ‚Schwein‘ an die Bedeutung der Unsauberkeit gebunden sei. Die Auswirkungen sprachfunktionalistischer Machtausübung findet sich auch in der Passage der Schöpfungserzählung, in der Gott den Menschen mit der ‚licence to call‘ ausstattet: Er überträgt dem Menschen das Recht, die Tiere zu benennen, so dass im Blick der Katze eben jene Asymmetrie und die dem Menschen übertragene Sprachmächtigkeit mit ihren Folgen aufscheint. Bereits die Schöpfungserzählung macht hier auf den Zusammenhang von Benennung und Ordnung bzw. Hierarchie aufmerksam, die durch menschliche Sprachfähigkeit konstituiert, aber viel zu selten reflektiert wird. Neben Gattungs- und Artbezeichnungen, die der Mensch vergibt, hat er ebenfalls das Recht der verallgemeinernden und pauschalisierenden ‚bêtise‘ für sich veranschlagt. Allein das Wort ‚l’animal‘ stellt demnach einen sehr verschleiernden Rundumschlag dar, der die Tiere nicht zur empirischen, sondern auch zur normativen Sprachlosigkeit verurteilt: Den Artenreichtum der Tiere auf diese Weise bereits vortheoretisch entsprechend zu verkürzen, muss für den Menschen als begriffliches Pendant natürlich eine enorme Aufwertung mit sich bringen, ohne zeitgleich begründet und berechtigt zu sein. Gleiches gilt für die Reduktion auf die singuläre Allgemeinformel ‚Tier‘, die nach Derrida eine nahezu gewaltsame und stark interpretative Entscheidung darstellt und die deutliche Trennbarkeit menschlicher und tierlicher Sphären suggeriert. Ihr setzt Derrida den Neologismus ‚l’animot‘ (Derrida: Das Tier, das ich also bin, Wien: Passagen 2010, 68ff.) entgegen, in dessen morphologischem Singular immer noch der phonetische Plural der ‚animaux‘ mitschwingt.

Advertisements

Was denkst Du darüber? Hier einen Kommentar verfassen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s