ZEIT-Online-Worst post ever: „Ist Veganismus gegen die Natur?“

Einige (ethische) Frageformen haben sich im Gefolge der Philosophiegeschichte von selbst disqualifiziert, weil sich der unterstellte Begründungszusammenhang als schlichtweg falsch, als zu suggestiv oder als uneindeutig herausgestellt hat. Auf diesem Weg hat sich ein Repertoire an „unfragbaren“ Fragen entwickelt, die der geisteswissenschaftlich halbwegs gebildete Schreiber tunlichst umgehen sollte, sofern er/sie sich nicht als unfreiwillig unkundig in der Sache ausgewiesen wissen möchte.

Die Frage, ob etwa ein bestimmtes Verhalten „wider die Natur“ sei, gehört zweifelsfrei dazu. Nichts destotrotz hält dies Lydia Klöckner in Ihrem ZEIT-Online Artikel „Ist Veganismus wider die Natur?“ nicht davon ab, mit diesem rhetorischen Taschenspielertrick eine nette Stammtischparole aufzuwärmen und so einen unterstellten Kausalzusammenhang zu generalisieren, der mitnichten argumentativ zulässig ist. Ich gehe davon aus, dass der Autorin die Tradition des von ihr zitierten Naturbegriffs kaum bekannt sein dürfte. Da sie dennoch von diesem folgenschweren Topos Gebrauch macht, will ich ihn hier mit einigen Sätzen kurz einordnen, um die Absurdität bereits der bloßen Frage zu umreißen.

Es gehört zu den großen geistigen Leistungen der europäischen Aufklärung, zwischen Sein und Sollen, zwischen Naturbeschreibung und moralischen Normen, systematisch zu trennen. Philosophie-historisch ist spätestens hier klar: Das, was die antiken Moralphilosophen noch mit Verweis auf die Natur und die in die Natur hineingelegten Zweckstrukturen als normativ Gesollt ausgeben konnten, verfügt in einem modernen Begründungszusammenhang, der sich auf die Vernunft beruft, über keinen festen Halt mehr. Kants Einsicht in die Trennung zwischen den „zwei Welten“, dem Reich der empirischen Natur und dem der intelligiblen Vernunft, spiegelt durchaus auch die alltagsweltliche Intuition wieder, dass ein beobachtbarer Ablauf innerhalb der Natur an sich noch keinerlei Relevanz für das moralische Urteil hat und haben darf – wenn dem nicht so wäre, und wir uns allein und gewissermaßen „blind“ an der Natur zu orientieren hätten, könnten auf diesem Weg schließlich auch Handlungen wie Kindsmorde, Kriege, rassistische Genozide oder die biopolitische Instrumentalisierung der Bevölkerung normativ problemlos legitimiert werden. In Form des sog. „naturalistischen Fehlschlusses“ kommt dieser Einwand auch zu akademischen Ehren: Er besagt, dass die direkte Übertragung von einer (Natur-)Beschreibung [z.B.: Der Mensch war lange Zeit ein „Fleischfresser“] zu einer normativen Aussage [„Der Mensch soll ein Fleischfresser sein/bleiben“] unzulässig ist. Der (moderne) Sozialdarwinismus gehört mit seiner Fressen-oder-gefressen-werden-Ideologie zu den Gegenpositionen, mit der auch Frau Klöckner (freilich ohne dies zu wissen) sympathisieren sollte, wenn sie eine solche Position des naturwidrigen Verhaltens der Veganer/innen postuliert. Möglich wäre auch, dass die Autorin stark an moraltheologischen Argumentationen der kath. Kirche aus den vorigen Jahrhunderten hängt, da auch hier ein (leider nach wie vor vorhandenes) naturalistisches Denken beheimatet ist: So ging die Moraltheologie auf katholischer Seite noch bis vor wenigen Jahrzehnten davon aus, dass etwa die Verwendung von Verhütungsmitteln eine schwerwiegendere Sünde sei als etwa eine Vergewaltigung – letztere sei schließlich „pro naturam“, als lebensförderlich, während die Verhütungsmittel die „natürliche“ Fortentwicklung des Lebens verhindern würden. Alles in allem scheint es also eine durchaus angenehme Gesellschaft zu sein, in die Frau Klöckner sich mit ihrem Artikel, leider ohne dies zu wissen, begibt….

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