Obama „begnadigt“ Truthähne: Einige Gedanken über Gnade, Gerechtigkeit und Schuld

Soll man sich freuen über die alljährliche Tradition des Weißen Hauses, ein bis zwei Truthähne aus einer Menge von schätzungsweise 46.000.000 Tieren zu „begnadigen“? Ist das tatsächlich ein Akt demütigen Leisetretens und vorweihnachtlich-besinnlicher, schuldbewusster Selbstreflexion? Zu vermuten ist in jedem Fall, dass dieser Eindruck zumindest systematisch erzeugt werden soll, dies belegen allein die tief-ernst dreinblickenden Mienen der Obama-Family angesichts der heldenhaften Truthahnrettung. Trotzdem lässt diese arachaisch-anmutende Begnadigungsgeste den einen oder die andere sicherlich mehr fragend denn verständig zurück, und das zu Recht. Begnadigen ist als Verbform schließlich kaum noch zum aktiven Alltagsvokabular zu zählen, bestenfalls bringt man sie mit kirchlicher Frömmigkeit oder Anträgen der RAF an den Bundespräsidenten in Verbindung. Der Wortbedeutung nach drückt Gnade das Erfahren unverdienter Gunst aus: Und da sie unverdient ist,  kann sie nicht nach den Regeln des üblichen Tauschdenkens erworben werden. Kant sah in der Gnade daher die „schlüpfrigste aller Tugenden“: Ihre Unverdientheit und mithin ihre Unberechenbarkeit stellt sie in scharfen Gegensatz zur Gerechtigkeit, jenem modernen Topos jeglicher Rechtsvorstellung. Gnade unterläuft gewissermaßen unser Rechtsempfinden, weil sie die Regeln der Verhältnismäßigkeit unter den Vorbehalt einer letzten Entscheidung stellt, auf die wir, wenn wir auf Gnade angewiesen sind, keinen Einfluss haben. Interessanterweise kehrt das obamasche Truthahn-Theater diese Logik der Gnade um: „Popcorn“ und „Caramel“, wie die zwei Tiere benannt wurden, wurde sehr wohl eine Leistung abverlangt, sie mussten sich in einer Online-Abstimmung gegen etliche weitere Kandidaten durchsetzen – ein reichlich lächerliches Schauspiel, das Erinnerungen an TV-Show Formate weckt wie jene (vorzeitig abgesetzte) niederländische Serie, in der (Tod)Kranke um die Organe von Todeskandidaten spielen mussten.

Die Vorstellung einer solchen Gnade unterläuft unser Rechtempfinden aber noch aus zwei weiteren Gründen: Gnade setzt zunächst einmal Schuld voraus. Nur wer schuldig geworden ist, kann auf Gnade hoffen – eine Unterstellung, die wir der Theorie mit Blick auf Tiere kategorisch ausschließen, die allerdings allein historisch durchaus Manifestationsformen aufzuweisen hat: Die mittelalterlichen Tierprozesse etwa gingen sehr wohl von der potentiellen Schuldfähigkeit von Tieren aus, ohne ihnen dabei wohlgemerkt das moralische Pendant in Form von entsprechenden Rechten zugestehen zu wollen. Gnade wird zweitens als anstößig erlebt, weil hinter ihr vielfach ein Reflex wahrgenommen wird, der alles andere als wohlwollend ist, weil Gnade immer auch einen Akt der Unterwerfung vorsieht, der durch den gönnerischen Habitus des Gnadegewährens positiv sanktioniert wird: Insofern bildet die Vorstellung von Gnade eine im höchsten Maße hierarchische Gesellschaft ab und erscheint nicht selten als Machtinstrument der Herrschenden, die ihre gewalttätigen Formen der Machtausübung nur zu gern durch weniger massive Herrschaftsgesten ausschmücken.  So schließt sich letztlich erneut der Kreis jener nur scheinbar vorweihnachtlich aufgebrochener Selbstbezüglichkeit: Alles wie immer.

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