Sibylle Lewitscharoff (2011): Blumenberg

Sibylle Lewitscharoffs Figur Hans Blumenberg, jener 1996 verstorbene Münsteraner Philosoph, zitiert gern Wittgenstein: Wenn ein Löwe sprechen könnte, könnten wir ihn nicht verstehen. Im Denken Blumenbergs verbindet sich damit weniger die Einsicht in die grundsätzliche Fremdheit als konstitutivem Abgrund zwischen Tier und Mensch, als vielmehr der von ihm geprägte Gedanke, dass bestimmte Sprachbestände, beispielsweise Metaphern, niemals in Gänze logisch aufgelöst werden könnten, ohne sie dabei wesentlicher Bestandteile und Aussagegehalte ihrer selbst zu berauben. Als sprachlich-komprimierte Ausdrücke sind sie in einer Weise verdichtet, dass sie sich niemals ins „Eigentliche, in die Logizität“, und damit in die vom Menschen privilegierte Form des Wirklichkeitszugangs zurückbringen ließen.

Bild

Lewitscharoffs Blumenberg hält dies glücklicherweise nicht davon ab, über die Mensch-Tier-Beziehung nachzudenken. Seine Überlegungen fallen ernüchternd aus, da sie einen unverstellten Blick auf eine gewalthaltige und grausame Beziehung bieten, wie jener Topos eines frühkindlichen Ursprungsmythos, der die Tiere als jene vom Menschen willentlich gequälten Kreaturen präsentiert, die seither jeden Blick auf Tiere als schuldbelastet enttarnen:

 „Jäh fiel ihm ein Traum seiner Kindheit ein, aus dem er jedesmal schreiend erwacht war – in ein friedliches Gebirgsdorf mit Holzhäusern, auf deren Dächern der Schnee lag, kam ein Hirte mit einer Herde Mammuts gezogen, riesigen Tieren, ein jedes größer als die Häuser, am denen sie auf ihrem Pfad vorbeischritten. Der Hirte war winzig neben ihnen und seine zwei Hütehunde auch. Da stürzte das kleinste Mammut, das am Ende der Reihe gegangen war, und blieb liegen im Schnee. Der Hirte fluchte und stieß ihm die Stiefel in den Bauch, aber davon war es nicht hochzukriegen. Er befahl den Hunden anzugreifen, und sie bissen überall in sein Fell, doch blieben die Bisse wirkungslos, weil die Hunde so klein waren. Da packte den Hirten die Wut, wie aus dem Nichts holte er eine Peitsche hervor und hieb damit so erbarmungslos auf einen der Hunde ein, daß er ihm das Rückgrat brach. Das gellende Geschrei des Hundes füllte das Tal, füllte die Ohren des kleinen Richard, dass er laut schreiend erwachte.“ (177)

Und trotz aller wittgensteinschen Skepsis kommen die Tiere in Lewitscharoffs Roman schließlich selbst zu Wort, und dies alles andere als unverständlich:

 „Aber die Leiden, die sie durch den Menschen erfahren hätten, die zählten sehr wohl, gab das Rebhuhn zu bedenken. Es hatte sich aufgeplustert und versuchte, würdevoll zu erscheinen, dabei kam es in Gefahr, sich an den Gluckslauten zu verschlucken. […] Der Mensch bildet sich immerzu ein, nur er leide. Ganz recht, erwiderte Blumenberg, etwas aufgeweckter, das ist der Weltaberglaube seiner Auszeichnung. Er leidet und bildet sich darüber ein, er sei mehr als die übrigen Geschöpfe. In seiner anthropozentrischen Eitelkeit ist er nicht zu bremsen.“ (210f)

Zweifellos ist diese Eitelkeit an allen Ecken und Enden der Mensch-Tier-Beziehung augenfällig, zumal ihr mit konventionellen Argumenten bei aller Konsistenz kaum beizukommen scheint. Die Logizität scheint in tierethischen Belangen häufig ebenso überzeugend wie wirkungslos zu sein. Aus diesem Grund sind es für Blumenberg nur die Bilder, die Metaphern und logisch nicht mehr aufzulösenden Gehalte, die gegen die eingefahrenen Denkgewohnheiten ankommen:

 „Niemals, überhaupt nie, habe ich Hühner gegessen, sagte Isa. Vielleicht als Kind. Aber das änderte sich mit siebzehn, als ich in der Bretagne einen Geflügelmastbetrieb von innen sah. Sie wunderte sich, dass dieser Geflügelmastbetrieb, die Dumpfigkeit der Halle, ihr wieder so deutlich ins Gemüt stieg. Für einen Moment hielt sie inne, um zu überprüfen, ob auch wahr sei, was sie gerade gesagt hatte. Dem Futter war irgend so ein Gift beigemischt, damit den Hühnern die Federn ausfielen. Alle waren nackt. Alle verletzt. In einer Lagerhalle tausende von Hühnern, die Luft trüb vom hochgewirbelten Dreck. Unerträglich heiß war’s drin. Und überall das Gegacker, aber nicht einzeln, sondern in Wellen. Danach war es mir unmöglich, je wieder ein Huhn zu essen. Immerhin, sagte Blumenberg, junge Menschen lassen sich offenbar von seltsamen Anblicken überwältigen und werden offenbar befähigt, eine Entscheidung zu treffen.“ (208)

Sibylle Lewitscharff (2011): Blumenberg, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu “Sibylle Lewitscharoff (2011): Blumenberg

  1. Liebe Brigitta,
    ich habe die Lewitscharoff-Rede auch als sehr befremdlich wahrgenommen. Daraus ein Redeverbot abzuleiten, ist mir allerdings zu kurz gedacht und politisch recht schwierig zu rechtfertigen. Offensichtlich haben die Reaktionen ja gezeigt, dass Frau Lewitscharoff hier eine Minderheitenansicht vertritt – was ihr durchaus zusteht. Und noch ein Punkt: vielleicht sollte jemand, der in seiner Freizeit Tiere schlachtet oder zumindest derartige Seiten verlinkt, die rhetorische Moralkeule nicht allzu wild schwingen….

  2. Sibylle Lewitscharoff zum Thema Kinderwunsch-Kliniken:

    »weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.«

    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/buechner-preistraegerin-ekelt-sich-vor-auf-abartigen-wegen-gezeugten-halbmenschen/

    Meiner persönlichen Ansicht nach sollte jemand, der Lebewesen seiner eigenen Spezies gegenüber solche Aversionen hegt, sich nicht gerade auch noch mit der Interpretation der Ansichten Anderer Lebewesen befassen.

Was denkst Du darüber? Hier einen Kommentar verfassen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s