8. Das Zootier als „lebendes Monument des eigenen Untergangs“: John Bergers Blickphilosophie

ImageWarum sehen wir Tiere an?, fragt John Berger in einem der bekanntesten tierphilosophischen Texte. Dass damit keine Bagatelle angesprochen wird, zeigt sich, sobald man selbst einen eigenen Antwortversuch unternimmt: Warum also sehen wir Tiere an? Tun wir das überhaupt noch, müsste man wohl vorweg fragen, denn es scheint keinesfalls mehr selbstverständlich, dass wir Tiere wirklich noch in einem Sinne anschauen, der berechtigterweise als „Blick“, als „Ansehen“ bezeichnet werden könnte. Wir begegnen ihnen zweifellos häufig, aber es hat den Anschein, dass diese Tiere unserer Umgebung kaum noch als eigenständige Wesen wahrgenommen werden. Die mediale Präsenz von Tieren scheint zwar ungebrochen, als Comics, Plüschfiguren, künstlerische Darstellungen und beliebig codierbare Werbeträger sind sie tatsächlich omnipräsent. Diese Feststellung muss jedoch überraschen, setzt man sie in Korrelation zu einer weiteren Entwicklung: Ihre Anwesenheit als Bild scheint sich umgekehrt proportional zu ihrer real fassbaren sozialen Nähe zu verhalten: Sie verschwinden im Alltag oder unterliegen, abgepackt als steriles und nicht mehr als Tier zu erkennendes Nahrungsmittel im Supermarkt, vielfältigen Strategien der sozialen Unsichtbar- und Unkenntlichmachung. Damit ist eine Entwicklung skizziert, die der französische Archäologe André Leroi-Gourhan bereits für die Höhlenmalerei dargestellt hat, wenn er die Frage beantwortet, welche Tiere in den erhaltenen Abbildungen dargestellt wurden und feststellt, dass augenscheinlich nicht beliebige, sondern nur ganz bestimmte Tiere dort zu finden sind. So scheint es erstaunlich, dass etwa die Rentiere anteilig nur zu etwa 3-4% in den Abbildungen erscheinen, und das, obwohl sie die eigentlichen paläolithischen Haustiere und damit die de facto am häufigsten zu findende Art bildeten. Dennoch: Weder die Malereien ins Lascaux noch in Rouffignac zeigen auch nur ein einziges Rentier, und auch der Mensch erscheint in der paläolithischen Kunst nur in den seltensten Fällen. Die daraus abzuleitende Hypothese hat der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho schlüssig auf den Punkt gebracht: Gemalt wurde das, was erinnert werden musste, was mit anderen Worten in Vergessenheit zu geraten drohte.

Dieser Diagnose eines zunehmenden Verschwindens der Tiere würde Berger zustimmen. Dass wir vielleicht gerade aus dieser Einsicht heraus verstärkt auf die tierische Blicksuche gehen, hat ihm zufolge den Grund in dem einmaligen Verhältnis von Tier und Mensch:

 „Die Augen eines Tieres sind, wenn sie einen Menschen betrachten, aufmerksam und wach. Das gleiche Tier wird wahrscheinlich andere Tiere auf die gleiche Weise ansehen. Für den Menschen ist kein besonderer Blick reserviert. Doch keine andere Gattung als die des Menschen wird den Blick des Tieres als vertraut empfinden. Andere Tiere nimmt der Blick gefangen. Der Mensch jedoch wird sich, indem er den Blick erwidert, seiner selbst bewusst. […] Auf Grund dieser Parallelität bieten die Tiere dem Menschen eine Gesellschaft an, die sich gänzlich von der menschlichen unterscheidet. Sie ist deshalb anders, weil sie der Einsamkeit des Menschen als Gattung angeboten wird.“ (13f.)

Die die Anthropologie antreibende Suche nach dem anthropinon, dem Alleinstellungsmerkmal des Menschen, ist Berger zufolge damit insofern vergeblich, als sie in einer Pluralität von Wesen eine womöglich metaphysische Differenz zu behaupten sucht, die überhaupt erst durch die Differenz konstituiert wird. Die anthropologische Suche ist in diesem Sinne zirkulär.

Die Tiere vermitteln, so Berger, zwischen dem Menschen und seinem Ursprung, weil sie ihm im selben Maße gleich wie ungleich waren:

 „Die Tiere kamen aus dem Land hinter den Horizont. Sie gehörten dorthin und auch hierher. Sie waren ebenso sterblich wie unsterblich. Das Blut eines Tieres floß wie Menschenblut, aber seine Gattung starb nicht aus, jeder Löwe war Löwe und jeder Ochse war Ochse. Dies – vielleicht der erste existentielle Dualismus – spiegelt sich um Umgang mit den Tieren. Sie wurden unterworfen und verehrt, gezüchtet und geopfert.“ (15)

Im Zoo sieht Berger ein etabliertes Instrument, jenes Bedürfnis eines Blickkontakts zwischen Mensch und Tier zu erfüllen. Zugleich lässt er keinen Zweifel daran, dass der Zoo an dieser Aufgabe grandios scheitert: Das hier als Schauobjekt inszenierte Tier ordnet den Zoo technisch wie historisch in eine Entwicklungslinie ein, die die Blickrichtung auf das Tier zunehmend eindimensional verengt. Technische Voraussetzung bilden innerhalb dieser Entwicklung Gerätschaften, die immer effektvollere Bilder zu erhalten ermöglichen. Der von Ferdinand Roussif publizierte Bildband „La fête sauvage“ etwa zelebriert eben jenen technisierten Blick auf das Tier, der die Sehkraft des Auges noch präzisieren und dessen Kapazität erweitern soll, indem es das Unsichtbare, etwa in Belichtungszeiten von unter drei Hundertstel Sekunden, erst sichtbar macht. Das Tier ist hier immer als das Beobachtete gesehen, das Angesehenwerden hat seine Bedeutung verloren. Historisch demonstriert der Zoo in seiner Blüte im 19. Jahrhundert die ihn begründende koloniale Macht. Die jeweiligen Herrscher schickten exotische Tiere in die Heimat, um die Ausweitung des eigenen Herrschaftsgebietes zu dokumentieren. Die öffentlichen Zoos erleben ihren Aufstieg damit zu einer Zeit, die synchron zu dieser Entwicklung auch das langsame Verschwinden der Tiere aus dem Alltag zu verzeichnen hatte. Die Tatsache, dass Zoobesuche dennoch immer nur als unbefriedigendes Natur-Surrogat den Verlust des Tieres zu kompensieren vermögen, erklärt Berger gerade aus jener Nachbildungsfunktion des Zoos heraus und ebenso aus der daran geknüpften Hoffnung, hier etwas von der ursprünglichen Verbundenheit von Mensch und Tier wiederentdecken zu können:

 „Die Tiere entsprechen selten den Erinnerungen der Erwachsenen, während sie den Kindern meist unerwartet lethargisch und langweilig vorkommen. Warum ist dieses Tier so viel unbedeutender, als ich gedacht habe? Ein Zoo ist ein Ort, wo so viele Arten und Varianten von Tieren gesammelt werden, damit man sie sehen, beobachten, studieren kann. Im Prinzip ist jeder Käfig ein Rahmen um das Tier im Inneren. Wie Galeriebesucher gehen die Zoobesucher an den Tieren, einer Kunstgalerie nicht unähnlich vorbei, Doch im Zoo ist der Blickpunkt immer falsch. Wie bei einem unscharfen Bild. […] Ganz gleich, wie man diese Tiere ansieht, selbst wenn das Tier direkt am Gitter steht uns weniger als einen halben Meter von einem entfernt ist und in Richtung des Publikums blickt, sieht man etwas, das ganz und gar nebensächlich geworden ist.“ (30)

Durch jene nahezu regieartige Abkommandierung zu Statisten im gemalten Gesamt hergestellter illusionistischer Kulissen, die die Tiere zu letztlich unbedeutenden Randfiguren degradieren, wird klar, warum der Zoo nur enttäuschen kann: Sein vorgeblicher Sinn, dass hier also dem Blick fremder Tiere begegnet werden könne, wird durch die Einrichtungsfunktionalität des Zoos selbst systematisch blockiert. Die eigentlichen Mittelpunkte im Leben der Tiere sind durch einige Unterbrechungen von außen, wie etwa die täglichen Fütterungen, ersetzt, ihr fehlendes Aufmerksamkeitszentrum immunisiert so auch ihren Blick:

 „Das ist die letzte Konsequenz ihrer Verdrängung. Dieser Blick zwischen Tier und Mensch, der vielleicht eine der wesentlichsten Rollen in der Entwicklung des Menschen gespielt hat, wurde ausgelöscht.“ (35)

John Berger: Warum sehen wir Tiere an?, in: Ders.: Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens, Berlin: Wagenbach 1980, 12-35.

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