Gastbeitrag von Stefan Dehn: Tierphilosophie – eine kleine Skizze

Die Schwierigkeit einer Tierphilosophie liegt in dem Desinteresse oder dem Mangel der Tiere philosophisch ihre Existenz zu befragen. Eine Philosophie ausgehend vom Menschen kann nicht in einer Tierphilosophie enden. Es ist eine Menschenphilosophie, die sich Gedanken über Tiere macht. Nur insofern ist jede Menschenphilosophie auch Tierphilosophie, da der Mensch mit jedem anderen Lebewesen seine Herkunft teilt, er ein Tier unter Tieren ist. Wer sich in der Tierphilosophie versucht, hat sich zur Aufgabe gemacht für jene Lebewesen zu sprechen, denen keine reflexive Sprache zur Verfügung steht. Das Aussagenergebnis bleibt ein Wagnis. Der Mensch hat genug damit zu tun über sich selbst Auskunft zu geben, den Tieren Absichten, Wünsche und Interessen zuzuschreiben, kann dazu führen an dem Tier als Tier vorbeizuschreiben. Wer den Tieren gerecht werden will, muss Raum für die Möglichkeit zulassen, dass nichts von den eigenen Gedanken das Wesen des Tieres trifft.

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Was die Tiere angeht, wollen es die Menschen schon immer gewusst haben, wie es um die Tiere steht. Von seelenlosen Automaten bei Descartes bis zu Haustieren, lustigen Spielgefährten der Menschen in der Jetztzeit, kämpft das Tier –metaphorisch gedacht – um sein Recht als Individuum mit der gleichen Würde wie sie sich der Mensch zuschreibt. Der Mensch hat eine Entwicklungsgeschichte durchschritten, die von Einzellern zum Mehrzellerstaat führt. Den anderen Tieren ging es nicht anders. Vom Urleben differenzierten sie sich in alle möglichen Erscheinungsformen aus, jedoch blieb die Körperbasis stets die gleiche: Die Zelle. Von der Bakterie bis zum Menschen teilen alle Lebewesen den gleichen Lebensbaustoff. Was der Mensch auf sich hält, von sich aussagt, muss er auch jenen Lebewesen zugestehen, die wie er, dasselbe Schicksal teilen: Sie sind vorübergehend lebendig in einer überwiegend anorganischen Existenz. Den Menschen trennt folglich nur seine Selbstbeschreibung von den anderen Daseinsmitgliedern, von den anderen Tieren. Was dem Menschen widerfährt, wird auch der Stechmücke widerfahren. Beide werden sterben. Das hungernde Tier leidet, das geprügelte Tier leidet wie der hungernde und geprügelte Mensch leidet. Wer von seelenlosen Automaten spricht, von einer Gefühlsabwesenheit bei Tieren, der hat sich noch nie auf eine Tierbegegnung eingelassen. Die Angst des Rindes kurz vorm Abschlachten lässt sich herzzerreißend in seinen Augen erfahren. Die Katze quält sich mit einem ausbrechenden Tumor nicht weniger geschwächt herum als der Mensch. Bloß dass es nicht dieselbe medizinische Aufmerksamkeit erhält. Tiere mögen eine andere Form der Wahrnehmung haben, im strategischen Denken sind sie den Menschen überwiegend unterlegen. Ob dies immer ein Nachteil ist? Viele Verbrechen der Menschheit, gerade im Krieg, sind auf ausgetüftelten Strategien zurückgegangen. Tiere kennen wie jede Lebensform Egoismus, sie kennen Gier, aber gerade ihr Strategiedefizit lässt sie über lokalisierte Grausamkeiten nicht hinausgehen. Kein Tier könnte einen Holocaust organisieren oder die Atombombe erfinden. Die Grausamkeiten der Tiere, das Abschlachten von Konkurrenten oder Nahrungslieferanten, bleiben im überschaubaren Bereich.

Seitdem sich den Tieren verstärkter gewidmet wird, ihre Fähigkeiten untersucht werden, lässt sich durchaus feststellen, dass sie, bei entsprechender Förderung, ihre Talente ausbauen können. Es existiert ein Elefant, der eigenständig zeichnen kann – auf gar keinem üblen Niveau. Raben benutzen Werkzeuge, um an schwerzugängliches Futter zugelangen. Mit ihrem Schnabel greifen sie sich einen Stock um ihren Schnabel zu verlängern, und so an Futterstellen zu gelangen, die ihnen sonst verborgen bleiben müssten. Orang-Utans haben ein gutes Gedächtnis, erinnern sich an Weggefährten auch noch Jahre später, ebenso verfügen sie über eine Ich-Identität. Delphine und Schimpansen können mit ihrem Gedächtnis sich teilweise bessere Strategien zurechtlegen als es den Menschen in gleichen Situationen möglich wäre. Die BBC-Dokumentation »Die klügsten Tiere der Welt« liefern hierzu einige Beispiele. In vielen Fähigkeiten übertreffen die Tiere den Menschen. Zugvögel finden über tausende von Kilometern hinweg genau den einmal erfahrenen Weg – ganz ohne technisches Navigationssystem. Wale können über große Distanzen kommunizieren. Katzen spüren gewisse Gefahren wie zum Beispiel Erdbeben deutlich früher. Der Mensch ist den Tieren in manchem überlegen, aber es gibt genug Fähigkeiten in denen er gegenüber dem Tier den Kürzeren zieht. Nicht umsonst besetzen Tiere wie der Drogenhund oder der Lawinenhund Arbeitsstellen, die kein Mensch so erfolgreich ausfüllen könnte. Dennoch blicken viele Menschen abschätzig auf die Tiere hinab. Sie können nur mit dem Kopf eines Menschen denken und anscheinend denkt dieser nicht sehr gut, sonnst würde der Respekt gegenüber den Tiere deutlich anwachsen. Wer als Mensch respektiert werden will, als Lebewesen, der muss auch respektieren, was ebenso ein Lebewesen ist: Das Tier.

Der Respekt gegenüber dem Tier muss nicht künstlich beigebracht werden. Wer mit Tieren groß wird, wird ihnen zugetan begegnen. In meiner Jugend war mein bester Freund ein Kater. Vor Hunden hatte ich hingegen große Angst. Noch heute begegne ich Hunden etwas misstrauisch. Ich bin nicht mit Tieren groß geworden. Der Kater trat in mein Leben als ich 13 Jahre alt war und erst dadurch änderte sich sehr langsam mein Bezug zu Tieren. Als Kind habe ich gedankenlos Ameisen zertrampelt. Wespen getötet. Heute versuche ich jedes Tier einzufangen und wieder auszusetzen. Auch sie haben wie ich nur dieses eine Leben. Wie ich gerne möchte, dass jemand stärkeres mich leben lässt, so versuche ich auch den Tieren und Insekten dies zu ermöglichen. Selbstredend gelingt das nicht immer. Gewisse Insekten können einen im ersten Moment so stark irritieren, dass überlegte Handlungen ausbleiben.

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Eine Mücke die auf mir landet werde ich im Reflex schlagen, während ich sie, wenn ich sie in gelasseneren Situationen an der Wand entdecke, sie fange und aussetze. Gewisse Insekten und Tiere würden mir nicht zusagen, mich ängstigen. Die Tierliebe kennt Grenzen und daher wäre es notwendig davon zu sprechen, ob wirklich eine Liebe vorliegt, die jedes Tier einschließt. Bei mir nicht. Ich habe Zuneigungen wie Abneigungen. Gegenüber Menschen verhält sich das nicht anders, wer kann schon von sich behaupten, alle Menschen zu lieben? Wenn von Tierliebe gesprochen wird, heißt dies meist bloß, dass sich auf ein paar bevorzugte Tierarten beschränkt wird. Für sie wird alles getan. In Indien ist die Kuh heilig, in Deutschland wird sie verspeist. In China ist anscheinend Katze wie Hund eine Delikatesse. In Deutschland versteht das kaum einer, wird dies sogar als bestialisch beurteilt. Wer jedoch ein Rind verspeist, der kann argumentativ nichts gegen das Katzen-Essen einwenden. Denn in beiden Fällen geht es um den Verzehr von Tieren und für sich genommen sind alle Tiere gleichwertig beziehungsweise haben wie der Mensch keinen Eigenwert. Zumindest nicht aus der Sicht des Universums. Die Natur schützt die Tiere nicht, lässt das gegenseitige Abschlachten zu. Erst einige Menschen haben sich den Tierschutz zur Aufgabe gemacht.

Wer nicht möchte, dass Katzen verspeist werden, der darf auch keine anderen Tiere verzehren, ansonsten liefert er den Tieressern handfeste Argumente und macht seine eigene Argumentation unglaubwürdig. Es gibt genug wissenschaftliche Belege, die darauf verweisen, dass die Vorfahren der Menschen sich überwiegend pflanzlich ernährt haben. Heutzutage besteht in den industrialisierten Ländern keine überlebensnotwendigen Gründe die das Tiere verspeisen zum Zwang machen. Wer Tiere essen will, der tut dies, weil es ihm schmeckt, nicht weil er muss. Niemand kann dagegen etwas sagen, wie geschildert, offenbart das Universum keine Moral, sie lässt alles zu. Tiere essen Tiere. Das Krokodil würde den Menschen sicherlich auch öfters verspeisen, wenn es die Gelegenheit dazu erhielte. Nun kann der Mensch jedoch denken, und darauf hält er angeblich große Stücke. Im Gegensatz zu der Mehrheit der Tiere hat er ein reflexives Denken, kann auf sich selbst und andere in einer gesteigerten Weise Bezug nehmen. Er erkennt, da sind Lebewesen wie ich, ich kann sie essen, nichts spricht dagegen, aber müssen täte ich es nicht. Würde ich gerne verspeist werden? Wohl kaum. Ich kann dieses Leid anderen ersparen, will ich diesen Verzicht wagen, der gar kein Verzicht ist, da genug andere ausgewogene Nahrung zur Verfügung stände? Sicherlich gäbe es auch bei der pflanzlichen Nahrung manches zu bedenken, auch hier lebt etwas, nur vermutlich mit weniger Gefühlsrezeptoren und damit weniger Leidensmöglichkeiten, aber um den Rahmen nicht zu sprengen, belasse ich es bei der Tierproblematik. Der Mensch ist das einzige Tier das bewusst auf den Verzehr anderer Tiere verzichten kann, da er es sich leisten kann, seine Lebensmittelindustrie genug andere Möglichkeiten offenbart. Die Größe des Menschen wird erkennbar, wenn er seine eigenen Bevorzugungen zurückstellt. Nicht jeder will solch ein Mensch sein. Jedoch sollte es zu denken geben, wenn sich jemand als humanitärer Wohltäter aufspielt, als Gutmensch inszeniert, Obdachlosen Geld spendet, und dann am Mittagstisch unnötig Leben auslöscht, verspeist. Ich selber bin kein Gutmensch, habe viel zu lange Tiere verspeist, obwohl ich darum wusste, wie wenig notwendig es ist. Ich habe einfach nicht zu sehr darüber nachgedacht. Ich war es nicht anders gewöhnt. Gewöhnung prägt den Menschen. Bei einem Spaziergang beobachtete ich ein vierjähriges Mädchen, das stolz Käfer zertrampelte. Ihre Eltern standen uninteressiert daneben, ihnen machte das nichts aus. Mir machte das etwas aus. Würde diesem Kind eine Wertschätzung für Leben beigebracht bekommen, nicht nur des menschlichen, würde dieses Kind später vielleicht einen ganz anderen Tierumgang pflegen. Ansonsten wird es wie ich aufwachsen, in der Gewöhnung Tiere sind für die Menschen da, statt zu sehen, dass kein Lebewesen für das andere da ist, sondern bloß alle Lebewesen da sind, existieren, und nun zusehen, was sie mit dieser Existenz anfangen sollen. Wer Tiere liebt oder zumindest schätzt, wird auch mit Menschen behutsamer umgehen. Wer gedankenlos Tieren Leid zufügen kann, der wird auch den Menschen unter den entsprechenden Umständen gedankenlos oder gar absichtlich Leid hinzufügen. Wer den Umgang mit den Tieren fördert, fördert auch den Umgang der Menschen miteinander. Dazu gehört, sich zu vergegenwärtigen, dass keine Haustiere existieren. Jedes Lebewesen wurde in die »freie« Natur hineingeboren. Der Mensch hat sich selber domestiziert und einige Tiere per Zucht gleich mit. Eine Katze ist ein treuer Weggefährte, aber kein Haustier, ebenso der Hund nicht. Hund und Katze können mit Wänden leben, bei entsprechendem Auslauf. Sie können den Wänden sogar sehr viel Schutz abgewinnen. Ein Vogel hingegen gehört unter keinen Umständen in einem Käfig, in eine Wohnung. Es wird um sein Leben beraubt. Sicherlich ließe sich argumentieren, draußen würde der Vogel schnell von Fressfeinden getötet werden, aber ist deswegen ein Leben in Monotonie besser? Wie würde der Mensch ein lebenslängliches dahinvegetieren auf einer Stange im Käfig mit gelegentlichen Ausgang im Zimmer finden? Vermutlich unerträglich. Der Vogel erhält nicht die Chance sich ein Partner seiner Wahl zu erwählen, Kinder zu bekommen, eine Art Familie zu haben. Alles Dinge auf die der Mensch sehr viele Stücke hält. Dem Tier will er oft genug diese Chance verwehren.

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Wann wird ein Tier liebenswert? Für die meisten mit der zunehmenden Größe. Einer Fliege würde kaum einer seine Liebe schenken, einen Hamster oder einer Katze schon. Kulturell bedingt ist Größe aber noch kein Zuneigungsgarant. Ein Rind ist größer als eine Katze, aber die Wertschätzung ist gering. Eine Schlange hat grob gerechnet die Größe eines Hundes, aber kaum einer möchte einer Schlange zu nahe kommen. Es ist schwer allen Tieren gerecht zu werden. Es werden sich immer welche finden lassen, mit denen es sich besser auskommen lässt. Dennoch bleiben auch die ungeliebten Lebewesen noch Lebewesen, die nichts dafür können, dass sie als Schlange oder Mücke geboren worden. Ihnen sollte Lebensraum wie Lebensmöglichkeit zugestanden werden. Es muss nicht mit ihnen ein Zimmer geteilt werden, aber eine Welt. Der Buddhist bringt es nicht über sich Tiere zu töten, denn im nächsten Leben könnte er selber dieses Tier sein. Daher wird versucht eingesperrte Tiere freizusetzen. Nur das freie Tier (Lebewesen) erhält die Möglichkeit, laut Buddhismus, das Nirwana zu erreichen. Religion ist nicht jedermanns Sache, ich gehöre keiner an, kann aber erkennen, dass der Buddhismus tierfreundlicher als das Christentum ist. Im Christentum ist das Tier für den Menschen da. Im Buddhismus ist das Tier ein Lebewesen wie ein Mensch beziehungsweise der Mensch nicht höher anzusetzen. Das sorgt für einen freundlicheren Umgang miteinander. Es geht dann nicht darum das Tier für die eigenen Interessen auszuschöpfen.

Das bisher beschriebene skizziert, es gibt viele Zugänge und Umgänge mit den Tieren. Die hier kurz benannten sind nicht erschöpfend abgehandelt, es gäbe noch genug andere. Alles hängt von der Frage ab: Wie möchte ich den Tieren als Lebewesen begegnen? Nicht als Nutztiere, Spielzeuge oder Nahrungslieferanten – sondern als Lebewesen. Zumindest habe ich die Frage für mich persönlich so beantwortet. Viele Gesellschaften betreiben den Tierschutz nur aus eigensüchtigen Interessen, die Fische sollen ein bisschen geschützt werden, damit man sie noch ein paar Jahre länger ausbeuten und verzehren kann. Tierschutz bedeutet folglich nicht Tierliebe. Die Arbeit des Tierschutzes darf deswegen nicht der Politik überlassen werden, der eigene Umgang entscheidet, wie reich an Tieren diese Erde in einigen Jahrzehnten noch sein wird. Tierarten sind schon immer ausgestorben, neue sind hinzugekommen. Es wäre utopisch anzunehmen in einem Universum, das den Lebewesen den Tod als Unausweichlichkeit mitgegeben hat, ließe sich alles schützen und retten. Es wird nicht gelingen. Doch ist das deswegen ein Grund den Zerfall zu beschleunigen? Tiere durchleben nicht weniger Einsamkeit und Leid. Wer ihnen eine helfende Hand reicht, wird nur selten unmittelbaren Dank zurückerhalten. Die Katze wird sicherlich ihre Zuneigung zeigen, aber wie zeigt dies eine gerettete Schlange? Wer Tieren hilft, muss sein Egoismus noch einen Stück weiter zurückstellen als wenn er Menschen hilft. Menschen können sich bedanken. Wer Tieren hilft ohne sich davon einen größeren individuellen Nutzen zu versprechen, außer der Freude sein Menschsein, seine Lebenszeit gewinnbringend für andere eingebracht zu haben, der hilft den Tieren aus den richtigen Gründen, denn er hilft ihnen als Lebewesen und weil sie Lebewesen sind. Seine Hilfe wird sich nicht erschöpfen, wenn keine Gegenleistung zurückfließt. Seine Hilfe wird andauen, wann immer es ihm seine Kräfte erlauben.

Wer als Kind keine Wertschätzung für andere Tiere nahegelegt bekommen hat, kann sich später dennoch selber eine zuführen. Das Universum wie die Erde ist potentiell ein liebloser Ort, an solch einen Ort seine Liebe einzubringen, bedeutet, Liebe aufzubauen, wo nur wenig bis gar keine Liebe vorliegt. Eine lieblose Welt liebevoller zu gestalten mag vielen als eine naive Tat erscheinen, aber seine Liebe einzubringen ist sicherlich förderlicher für das eigene Gemüt als auf Liebestaten zu verzichten oder sie zu unterdrücken. Es benötigt Mut zur Liebe. Lieben heißt die ganze Person einzubringen. Mit der Gefahr, dass andere diese Liebe einseitig ausschöpfen. Tiere tun dies nicht, denn sie stellen keine großen Berechnungen an. Sie werden sich nicht bedanken, aber wenn sie den nächsten Lebensaugenblick, oder einige Augenblicke, ohne Angst bestreiten können, dann liegt der Dank in diesem angstfreien Zustand. Der befreite Vogel wird davon fliegen und wird, ohne es zu wissen, froh sein, dass er nicht als Rilkes Panther enden muss. Für ihn ist da wieder eine Welt, ganz ohne sichtbare Stäbe. Diese Welt wird weiterhin ihre Grausamkeiten beinhalten, aber immerhin hat der helfende Mensch die Grausamkeit der Welt nicht unnötig erhöht.

Tierphilosophie hat, wie sich ablesen lässt, einige Denkfelder zu besetzen. Tiere die sich nicht Menschen nennen stellen die Mehrzahl auf der Erde. Es gibt nur vergleichsweise wenige Schriften über Tiere. Noch weniger die denkerisch mit der Frage nach den Tieren umgehen. Die Frage nach den Tieren, ist auch eine implizierte Frage nach dem Menschen. Sie haben dieselbe Herkunft und denselben Lebensausgang. Dennoch pflegen die wenigsten mit ihnen den gleichen Umgang. An dieser Stelle lässt sich noch einmal an der Frage nach dem Wesen des Tieres anknüpfen. Ist dies überhaupt eine legitime Frage? Der Mensch fragt für sich als Einzellebewesen nach dem Wesen des Menschen. Müsste dann nicht auch jedes einzelne Tier differenziert werden? Das Wesen der Ente? Das Wesen der Bakterie? Dies wäre angebracht. Als Charakter bilden Tiere keine einheitliche Gruppe. Eine andere Möglichkeit wäre es die Frage nach dem Wesen des Menschen zu vergrößern und sie in der Frage nach den anderen Tieren aufzunehmen. Es geht dann nicht mehr um das Wesen der Menschen oder einzelner Tiere, sondern um das Wesen des Lebendigen. Dies wird eine Frage nach dem Wesen der Zellen. Die Frage nach dem Wesen des Menschen, die immer wieder gerne in der Philosophie bevorzugt gestellt wird, war seit je her eine einseitige Frage. Sie ist eine sehr menschenzentrierte Frage, stammt aus jener Zeit, in der der Mensch sich selber als Maß aller Dinge und als Mitte der Existenz platzierte. Wer denkerischer agieren will, wem es auf die klassische Frage ankommt, wie aus Nichts lebendes Seiendes werden kann, der darf nicht beim Menschen stehen bleiben. Schließlich ist die Mehrheit des Lebendigen Nicht-Mensch. Selbst wer kein Tierfreund ist, jedoch den philosophischen Fragen der Existenz nachgehen will, muss sich verstärkter mit den Tieren auseinandersetzen, da diese die Mehrheit aller Lebewesen auf der Erde stellen (vielleicht auch die Pflanzen, aber ich vermute es sind die Tiere, sofern dazu auch Bakterien gerechnet werden, die nahezu jede Art an Population übertrumpfen). Wenn einem daran gelegen ist so viel wie möglich über das Wesen des Lebendigen, das Wesen der Lebewesen zu erfahren, dann ist der Mensch nicht der einzige Zugang. Es würde sogar die Untersuchung verzehren, wenn sich bei dieser alles umfassenden Frage ausschließlich beim Menschen nach Antworten umgeschaut wird. Das Wesen der Ente ist auch das Wesen des Menschen. Beide entstammen aus demselben Entwicklungsprozess. Beide benötigten den Urknall, benötigten die Erdentstehung, benötigten die Sonne, benötigten das Urleben als Zelle. Wer sich mit der Existenz auseinandersetzen will, und dazu sich der Philosophie bedient, der kommt an den Tieren nicht vorbei. Insofern wird die Tierphilosophie, oder genauer, das einbeziehen der Tiere in das Nachdenken über dieses Leben, immer einen großen Anteil an jeder ausgewogenen Philosophie ausmachen.

Ich möchte noch anmerken, dass ich die Wesens-Frage nach Heidegger aufgreife. Er legt das Kriterium, was den Menschen auszeichnet außerhalb des Menschen. Was stimmig ist, schließlich hat sich der Mensch wie jedes Lebewesen nicht selbst ins Leben gesetzt. Etwas außerhalb des Menschen hat den Menschen erwirkt. Daher ist das Wesen der Ente wie das Wesen der Menschen gleich, denn was sie erwirkt hat, hat dieselbe Quelle. Einige verstehen unter der Wesensfrage, ob das Tier lieb ist oder nicht. Das ist eine Charakterfrage keine Wesensfrage, wie ich sie hier verstehe. Zum Wesen eines jede Lebewesen gehört zwar auch sein Jetzt-Augenblick, seine Erscheinung in der Zeit, aber eben auch das, was ihn überhaupt erst in die Zeit gesetzt, als Leben ermöglicht hat. Deshalb gehört zu Wesens-Frage immer die Frage nach dem Nichts, da das Nichts den Anfang des Wesens bildet oder ermöglicht. Zumindest kann die Wesensfrage nicht allein aus dem Jetzt-Augenblick heraus beantwortet werden, da das Wesen auf das Ganze zielt und der Jetzt-Augenblick offensichtlich nur ein Teil dieses Ganzen darstellt. Auch die Tierphilosophie kann nicht erst beim Tier ansetzen, da sie sonst nicht mehr voraussetzungsfrei denkt, nicht auf die Zusammenhänge zielt, sondern im Jetzt-Augenblick verharrt. Philosophie, wie ich sie verstehe, will jedoch den Jetzt-Augenblick mit allen Augenblicken in Verbindung setzen, auch jenen die zum Jetzt-Augenblick geführt haben. Nichts anderes versucht die Wissenschaft, bloß, dass sie einen künstlichen Anfangsaugenblick setzt, zum Beispiel den Urknall. Während der Urknall selber einen vorangehenden Augenblick benötigt um als Augenblick wirken zu können. Zum Beispiel den Augenblick der die Gase für den Urknall konzentriert auf wenig Raum zur Verfügung stellt. Das Tier beginnt wie der Mensch nicht mit seiner Geburt. Es hat eine weiter zurückreichende Geschichte. Das führt nicht zu spekulativen Unergiebigkeiten, wie manche nun vermuten würden, sondern positioniert das Tier als Lebewesen nur entsprechender. Vor allem setzt es das Tier auf die gleiche Höhe wie den Menschen. Das Tier als Jetzt-Augenblick lebt, atmet, erfreut sich, leidet, stirbt. Nichts anderes tut der Mensch.

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Eine Katze tröstet, wenn die Tränen fließen. Ein Hund freut sich über jeden Spaziergang, erfreut sich an jedem freundlichen Wort. Einige Tiere schenken auch jenen Menschen Zuneigung, die von anderen Menschen, aus welchen Gründen auch immer, keine erhalten. Diese Tiere sind beliebt, sie lindern die Einsamkeit. Aber wer möchte, dass er selber auch geliebt wird, selbst wenn er nicht die erwarteten gesellschaftlichen Vorzüge mit sich bringt, sei es die äußerliche Erscheinung nicht wie gewohnt bedienen kann oder sonstige Rollenerwartungen, der sollte sich fragen, ob er nicht auch Tieren zugetan sein sollte, die auch keiner mag, da sie nicht das gewohnte Niedlichkeitsbild erfüllen. Eine Antwort zu dieser Frage muss nicht gleich parat stehen, aber wenn die Frage als Frage bestehen bleibt ist zumindest die Möglichkeit gegeben, dem Nachdenken über den Tieren einen größeren Raum zuzugestehen. In einer zunehmenden technologisierten Gesellschaft, verbringen die Menschen Stunden vor dem Fernseher, Computer oder Handy. Das sind tote Gegenstände. Die Tiere leben. Noch. Wer seine Zeit lieber in Lebendiges investiert, findet bei den Tieren viele Anlaufstellen.

Alle Text-Copyrights: Stefan Dehn / http://www.deraugenblick.org

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Ein Kommentar zu “Gastbeitrag von Stefan Dehn: Tierphilosophie – eine kleine Skizze

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