Maria S. Cristoff (2012): Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen

Die Coverabbildung von Maria Sonia Cristoffs Erzählband „Unbehaust“, eine Umarmung zwischen einem Löwen und einem älteren Mann, weckt zunächst sentimentalische Gefühle und Erinnerungen an eine lang vergangene Gemeinschaft. Erst beim genaueren Hinschauen tritt die Metallkette hervor, an der der Löwe hängt, aber auch die ambivalente Körpersprache des Mannes scheint zunehmend weniger für jene unbedingte Nähe zu sprechen. Dennoch muss das Foto, bemessen an der ahnungsvollen Ankündigung des Untertitels regelrecht verharmlosend wirken: Denn das, „was Menschen mit Tieren machen“, dürfte selbst für den freischwebenden Alltagsverstand mit weit düsteren Bildern als jenem des Covers assoziiert werden.

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In ihrem seitemmäßig überschaubaren Band erzählt die Autorin von ihren Beobachtungen aus dem Zoo in Buenos Aires, dort sucht sie, dem titelgebenden Zustand entsprechend unbehaust, Zuflucht vor der Schlaflosigkeit in ihrer Wohnung: „Mein Allheilmittel gegen den existentiellen Kater ist der Zoo.“ (15) Ihre narrative Leistung liegt hier hauptsächlich im Intertextuellen: Maria Sonia Cristoff verknüpft ihre Beobachtungen mit interessanten Prätexten – John Berger, J. M. Coetzee, aber auch P. Highsmiths „Kleine Mordgeschichten für Tierfreunde“ klingen immer wieder an.

Auch wenn der Band eine bisweilen lockere und interessante Lektüre bietet, die durch ihren aphoristisch-fragmentarischen Charakter auch in sprachlicher Hinsicht gelungene Erkenntnisse bereithält („Im Sterben die Arme um einen Straußenhals zu legen ist eigentlich gar keine so üble Vorstellung, sagte ich mir“, 60), bricht die vom Verlagstext angekündigte „große Liebe zum Tier“ spätestens dort und von der Autorin leider völlig unreflektiert in sich zusammen, wo diese einerseits exemplarisch für die Zoonilpferde durcherzählt wird, um kurz darauf in der lapidaren und das Vorherige konterkarierenden Beschreibung eines Nilpferd-Burger-Verzehrs zu münden. So bleibt es bei der Einsicht, dass die Schlaflosigkeit wohl nicht in allen Belangen die beste Ratgeberin ist, will man zur Tier-Mensch-Beziehung mehr als nur somnambule Intuitionen kundtun. So aber wendet sich die Erzählerin in letzter Konsequenz wieder vom Tier ab, ähnlich dem sich aus der Umarmung windenden Gestalt des Mannes auf dem Cover.

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