10. Prototypische Mensch-Tier-Beziehungen: Die katholischen Heiligen

Die Beziehung von Philosophie und Theologie mag man zuweilen als gespannt betrachten, dennoch rechtfertigt das Thema einer Tierphilosophie auch einen Abstecher in die benachbarten Fächer. Gleichermaßen dürften nur wenige Theolog/inn/en heute noch ernsthaft den Reflexions- und Aufarbeitungsbedarf anzweifeln, der besonders katholischerseits im Hinblick auf eine angemessene Tiertheologie besteht. Dabei halten die Traditionsbestände der Theologie durchaus Schätze bereit, derer sich die Theologie erst langsam bewusst wird: So etwa die sog. Heiligen, die sich nicht selten durch eine besondere Beziehung zu ihren Tieren auszeichnen.

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Ihre Heiligkeit, also das Heil-sein, verstehen sie konsequent als überindividuelle und daher nicht vom außermenschlichen Leben zu trennendes Heil, wie es schon Psalm 35,7 vom göttlichen Heilswillen sagt: „Menschen und Tiere machst Du heil“. Damit ist keine additive Aussagelogik verbunden, sondern ein zentraler Zusammenhang: Beides ist nicht getrennt voneinander möglich.

Der Gedanke, die Heiligen als „Prototypen“ einer gelungenen Mensch-Tier-Beziehung zu sehen, ist durchaus nicht abwegig: Der biblische Daniel in der Löwengrube gibt das Leitthema ab, das in immer wieder anderen Episoden variiert wird. So in den Märtyrergeschichten: Darf man den Legenden glauben, so weigerten sich auch bei den Tierhatzen zur Zeit der Christenverfolgungen in den ersten Jahrhunderten die Tiere nicht selten, die Märtyrer anzugreifen  -wie schon die Löwen den biblischen Daniel.

Die Grundaussage scheint klar: Der Heilige hat ein brüderliches Verhältnis zu den Tieren – auch und gerade zu den gefährlichen, als hätten sie eine unbestechliche Witterung für die Reinheit und Güte eines Herzens. Im Heiligen wird ahnbar und in bestimmten Augenblicken sogar sichtbar, wie der Mensch eigentlich gemeint ist und von welcher Art seine Beziehung zum Tier nach dem Willen des Schöpfers hätte sein sollen.

Die Heiligenlegenden zehren zugleich von der Einsicht, dass „Tierheit“ etwas ist, womit jeder Mensch auch im eigenen Inneren zu tun hat, dass es also eine Tiernatur gibt, die der Mensch mit dem Tier teilt. Nach ihrer Erfahrung gehorchen Löwen, Bären und Wölfe dem Heiligen deshalb so bereitwillig, weil er die Tiere in sich selbst ‚gezähmt‘ hat. Häufig werden Tiere über ihre Natur hinaus zu einem ethischen Verhalten aufgefordert: Die Heiligen wollen auch das Wölfische im Wolf nicht als etwas Unabänderliches hinnehmen (und werden in gewissem Sinne von der modernen Verhaltensbiologie unterstützt, die Tieren mittlerweile ebenfalls leichte, anbrechende Freiheitsgrade attestiert). Die Verwandlung, die sie selbst erlebt haben, hält in ihnen das Bewusstsein wach, dass in dieser Richtung nichts unmöglich sein kann. Die Heiligen sehen alle Wesen und Dinge von der Schöpfungstheologie und Eschatologie her bestimmt, durch ihren Ursprung und durch ihr Hoffnungsziel, weniger danach, wie die Dinge nun einmal tatsächlich sind. In diesem Sinne gibt es dann nicht nur ein Tier-Werden, sondern auch ein Mensch-Werden: Es fällt jedenfalls auf, dass die Tiere im Umkreis des Heiligen etwas eigentümlich Menschenhaftes haben.

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Ein Kommentar zu “10. Prototypische Mensch-Tier-Beziehungen: Die katholischen Heiligen

  1. Danke für die interessanten Ausführungen. Mir fällt in diesem Zusammenhang der Heilige Kevin aus Irland ein, der sehr oft mit Vögeln dargestellt wird: http://www.benefind.de/image.php?q=st+kevin+glendalough+birds
    Ich denke, dass diese Bildnisse auch das Ziel verfolgen, den Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass er/sie das eigene Verhalten steuern kann. Der Mensch kann sich jederzeit für das „gute Verhalten“ entscheiden und die Heiligen leben es vor. Sich von seinen Trieben zum Nachteil anderer leiten zu lassen, ist zwar bequem, aber dem Zusammenleben nicht zuträglich.

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