Das Kind im Futtertrog – eine Provokation zu Weihnachten

Das Kind in der Krippe – ein biblisches Bild, so einnormalisiert wie traditionsreich, dass es kaum weiter auffällt. Und das ist ja vielleicht schon die bezeichnendste Weihnachtserfahrung, die wir alle kennen: Es geht bei Familienfesten, Weihnachtsbräuchen usf. stets darum, Konstanz und Tradition zu bewahren. Wer Weihnachten feiert, steht selbst heute unter keinerlei Erwartungsdruck, etwas Neues oder Innovatives auftischen zu müssen.

Dennoch bleibt beim Anblick dieses Weihnachtsmotivs etwas untergründig Irritierendes zurück: Das Kind im Futtertrog der Tiere – drei Mal wird es in der Weihnachtsgeschichte bei Lukas (Lk 2,6.12.16) erwähnt. Wer sich exegetisch kundig macht, erfährt schnell, dass diese Geschichte rein historisch betrachtet – man muss es so nüchtern sagen – wohl wenig Substanz hat und eher eine Erzählung im Licht des Osterglaubens darstellt. Einhellig hält die Exegese also daran fest, dass das, was vom Gekreuzigten gesagt wird, auch für das Christuskind zu gelten hat – bereits das Kind in der Krippe wäre demnach – mit Paulus gesprochen – den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, und auch uns bisweilen zumindest doch ein Rätsel, denn der Christus im Futtertrog scheint die Erwartungen an den Messias so gar nicht zu erfüllen. Im Versuch, dennoch zu verstehen was hier ausgesagt ist, hat sich die Theologie leider zu selten wirklich von diesem Bild irritieren lassen und das Weihnachtsereignis ganz einfach mit der Fundamentalvokabel der Inkarnation belegt. Übersetzt wird dieser größere Zusammenhang in der Regel so: Weihnachten feiert die Menschwerdung Gottes, die göttliche Einmischung in den Lauf der Welt. In soteriologischen Kategorien heißt dies: Gott wird Mensch, damit der Mensch vergöttlicht würde. Die Tiere allerdings, seien sie angedeutet über die Nennung der Krippe oder seien es die explizit erwähnten Schafe bei ihren Hirten auf dem Feld, sie gehen darüber verloren.

Ich gebe es gern zu: Von der Menschwerdung Gottes zu lesen oder zu hören ist für mich allzu oft größtmögliche theologische Provokation, der Stachel im Fleisch des Glaubens. Zwar gibt es Routinen jüdisch-christlichen Denkens, die gewissermaßen als Selbstkontrollmechanismen die Einhaltung des ersten Gebotes absichern und der Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf vorbeugen sollen: Keine Bilder, keine Götzen, keine Schriftreligion, die Angst vor dem Buchstaben, der tötet. Trotzdem: Die Menschwerdung Gottes ist immer auch der Punkt, der diese Selbstvergötzungsgefahr zu unterlaufen scheint, an dem Glaube in Unglaube umzuschlagen droht. Emil Cioran hatte durchaus Recht damit, dass im weihnachtlichen Inkarnationsgedanken „die gefährlichste Schmeichelei“ liege, die uns zuteil wurde. Ein Verständnis von Weihnachten, das Inkarnation kritiklos als Menschwerdung übersetzt und feiert, gerät schnell in den Abgrund menschlicher Selbstaffirmation, die uns einflüstert: Alles ist in Ordnung, macht nur immer so weiter, ihr seid angenommen, wie ihr seid, zu Weihnachten gehört ganz einfach der richtige Braten, jetzt bitte keine falschen Fragen.

Auch gegen eine solche Form der Selbstverherrlichung heißt es bei Lukas: Das Christuskind liegt in einer Krippe – einem Futtertrog für Tiere. Was für ein Auslösereiz für die Theologie könnte diese Aussage sein! Hier klingt ganz viel an großer Theologie mit: Die Nähe des Menschen zu den Tieren im (vegetarischen!) Paradies (Gen 1), Jesu Umgang mit den wilden Tieren in der Versuchungsszene von Mk 1, die Selbsthingabe Christi an die Welt, der große Begriff des Opfers, die Vision vom Tierfrieden bei Jesaja und noch viel mehr.

Dass die Krippe diese Hinweise zur Nähe von Tier und Mensch aufruft, sollte schmerzlich bewusst machen, dass unsere Weihnachtslogik viel zu häufig einer andere ist: Dort liegen die Tiere in unseren Futtertrögen, zu unzähligen Milliarden warten sie auch an Weihnachten darauf, dass man ihr Leben in der so unweihnachtlichen, ständigen Dunkelheit der Mastanlagen – zusammengepfercht zu Abertausenden, angebunden, ohne die Möglichkeit, sich auch nur einmal im Leben umdrehen zu können – an den Schlachtmessern der Tierindustrie zu einem Ende bringt, damit sie von gutgläubigen Christinnen und Christen zu Weihnachten mit einem Glas Rotwein verspeist werden.

Nun ist die Krippe kein Veto zum Begriff der Inkarnation. Aber beide sind, wie es biblisch so häufig der Fall ist, aufeinander angewiesen und stehen in einem gegenseitigen Auslegungsprozess. Ich will versuchen, in drei kurzen Thesen anzudeuten, wie dies passieren könnte:

  1. Zunächst verdeutlicht dieser Zusammenhang, dass der Begriff der Inkarnation mit „Menschwerdung“ nur unzureichend übersetzt ist: Das Gottes-Prädikat „incarnatus (est)“ zielt zuallererst auf die fast schon anstößig klingende Fleischwerdung Diesem Begriff gegenüber klingt die Rede von der Menschwerdung mit einem Mal sehr weichgespült und unterschlägt womöglich die viel weiteren, kosmischen Dimensionen einer Rede von der Fleischwerdung. Im biblischen Denken steht der Begriff des Fleisches für das Vergängliche, für das Bestreben der letztlich unmöglichen Selbsterhaltung aus eigener Kraft, und damit für das, was theologisch (nicht nur bei Paulus) mit der Kategorie der Sünde ausgesagt wird: Sein Leben auf Kosten anderen Lebens zu erhalten, kann kein Fundament christlicher Ethik sein, erst recht nicht am Festtag der Inkarnation.
  2. Trotzdem: In einer Welt, deren Denkhorizonte nicht zuletzt von den grundlegenden Einsichten der Evolutionstheorie markiert werden, klingt eine solche Forderung reichlich weltfremd. Geht die Formel der Inkarnation also in ihrer ethischen Umformulierung auf? Inkarnation ist, das haben wir schon gesagt, zunächst eine Aussage über Gott selbst: Er selbst geht in die sündige Gestalt des Fleisches, der Welt ein. Erst in den tiefsten Abgründen der Welt erweist er sich wahrhaft als Gott – er wird, so könnte man es in den Begriffen zeitgenössischer Hermeneutik sagen, erst am radikal Anderen er selbst, und verwandelt dieses andere zugleich in substantieller Weise. Die Inkarnation, die Fleischwerdung Gottes, stellt in Aussicht, dass selbst die sündigsten Strukturen, denen sich Gott in der Fleischwerdung annimmt, erlösbar sind, und das heißt mindestens: Dass sie änderbar, verwandelbar sind. Die auf Selbsterhaltung abzielende Logik des Fressen-und-gefressen-Werdens kann nach dem, was wir zu Weihnachten feiern, nicht das letzte Wort haben.
  3. Das „Selbstwerden am Anderen“ mag auch helfen, den Begriff der Inkarnation mit jenem Begriff der Menschwerdung zu versöhnen. Wir feiern Weihnachten häufig so, als wäre die Menschwerdung ein historisches Datum, und übersehen womöglich, dass sie ebenso als permanenter Auftrag zu verstehen ist: Weihnachten ist das Fest, an dem zur eigenen Menschwerdung mindestens (!) auch der schonungslose Blick in die Abgründe des menschengemachten Leids gehört. Von diesem Blick zu lernen, ist bleibende Aufgabe eines/einer jeden Theologin/Theologen. Je unterschiedlich die Antworten konkret ausfallen mögen, so einig sollten sie sich darüber sein, dass diese schrecklichen Abgründe – seien es Kriegsschauplätze, Schlachthöfe oder zermürbende Privatkriege – gerade am vermeintlichen Fest der Konvention und Tradition niemals normal werden dürfen.

Was bleibt also vom Christuskind in der Krippe? Zumindest doch das: An jenem paradigmatischen Ort des Fressens und Gefressenwerdens, dem Futtertrog, ist das Christuskind eine heilsame Unterbrechung in eben diesem Kreislauf der Selbsterhaltung auf Kosten anderen Lebens. So wie schon die Exegese die Weihnachtsbotschaft mit dem Osterglauben verschränkt sieht, so können auch wir Weihnachten als einen zeichenhaften Vorausblick darauf sehen und gestalten, wie das Verhältnis von Gott, Mensch und allen Kreaturen immer schon gedacht war. Ob Schlachthöfe und Mastanlagen, selbst jene mit gewissensberuhigendem Bio-Anstrich, diesem Verhältnis gerecht werden, kann mit guten Gründen bezweifelt werden.

Advertisements

Was denkst Du darüber? Hier einen Kommentar verfassen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s