Das Kind im Futtertrog – eine Provokation zu Weihnachten

Das Kind in der Krippe – ein biblisches Bild, so einnormalisiert wie traditionsreich, dass es kaum weiter auffällt. Und das ist ja vielleicht schon die bezeichnendste Weihnachtserfahrung, die wir alle kennen: Es geht bei Familienfesten, Weihnachtsbräuchen usf. stets darum, Konstanz und Tradition zu bewahren. Wer Weihnachten feiert, steht selbst heute unter keinerlei Erwartungsdruck, etwas Neues oder Innovatives auftischen zu müssen.

Dennoch bleibt beim Anblick dieses Weihnachtsmotivs etwas untergründig Irritierendes zurück: Das Kind im Futtertrog der Tiere – drei Mal wird es in der Weihnachtsgeschichte bei Lukas (Lk 2,6.12.16) erwähnt. Wer sich exegetisch kundig macht, erfährt schnell, dass diese Geschichte Weiterlesen

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10. Prototypische Mensch-Tier-Beziehungen: Die katholischen Heiligen

Die Beziehung von Philosophie und Theologie mag man zuweilen als gespannt betrachten, dennoch rechtfertigt das Thema einer Tierphilosophie auch einen Abstecher in die benachbarten Fächer. Gleichermaßen dürften nur wenige Theolog/inn/en heute noch ernsthaft den Reflexions- und Aufarbeitungsbedarf anzweifeln, der besonders katholischerseits im Hinblick auf eine angemessene Tiertheologie besteht. Dabei halten die Traditionsbestände der Theologie durchaus Schätze bereit, derer sich die Theologie erst langsam bewusst wird: So etwa die sog. Heiligen, die sich nicht selten durch eine besondere Beziehung zu ihren Tieren auszeichnen.

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Ihre Heiligkeit, also das Heil-sein, verstehen sie konsequent als überindividuelle und daher nicht vom außermenschlichen Leben zu trennendes Heil, wie es schon Psalm 35,7 vom göttlichen Heilswillen sagt: „Menschen und Tiere machst Du heil“. Damit ist keine additive Aussagelogik verbunden, sondern ein zentraler Zusammenhang: Beides ist nicht getrennt voneinander möglich. Weiterlesen

9. Eugen Roths „Tierleben“ – mit Schiller gelesen

„Geweiht dem großen Gott Thot,
Der Aff‘ einst aller Schrift gebot.
Auch spät‘ noch sehn wir seine Kraft
Ausstrahlen in die Wissenschaft:
Betrachten etwa wir genauer
Den großen greisen Schopenhauer,
So finden wir ihn, auch rein mähnlich,
Ein wenig Hamadryas-ähnlich.
Auch war, was man beweisen kann,
Der alte Herr ein Grobian.“

(Eugen Roth, Großes Tierleben, München: Hansa 1989, 26.)

Was für Hegel die Dialektik war, für Goethe die Beziehung von Systole und Diastole, für Schopenhauer der Wille, das war für Schiller das Gegensatzpaar von naiv und sentimentalisch. In ihm, so glaubte Schiller, habe er das Grundprinzip der Welt erkannt, von dem her sich potentiell alle Weltsachverhalte deuten ließen. Es ist wohl unnötig zu erwähnen, dass die Schillersche Welt, getragen von einem noch ungebrochenen Optimismus, vor allem jene der Kunst war, die den profanen Alltag der Menschen überhöhen und so zu einer Humanisierung der gesamten Menschheit beitragen sollte. Da Schiller seine Gegenwart kulturpessimistisch als durchaus überwindenswert ansah, führten in seinen Augen lediglich zwei Wege aus jener Kultur des Ganzheitsverlusts heraus: Die Weiterlesen

8. Das Zootier als „lebendes Monument des eigenen Untergangs“: John Bergers Blickphilosophie

ImageWarum sehen wir Tiere an?, fragt John Berger in einem der bekanntesten tierphilosophischen Texte. Dass damit keine Bagatelle angesprochen wird, zeigt sich, sobald man selbst einen eigenen Antwortversuch unternimmt: Warum also sehen wir Tiere an? Tun wir das überhaupt noch, müsste man wohl vorweg fragen, denn es scheint keinesfalls mehr selbstverständlich, dass wir Tiere wirklich noch in einem Sinne anschauen, der berechtigterweise als „Blick“, als „Ansehen“ bezeichnet werden könnte. Wir begegnen ihnen zweifellos häufig, aber es hat den Anschein, dass diese Tiere unserer Umgebung kaum noch als eigenständige Wesen wahrgenommen werden. Die mediale Präsenz von Tieren scheint zwar ungebrochen, als Comics, Plüschfiguren, künstlerische Darstellungen und beliebig codierbare Werbeträger sind sie tatsächlich omnipräsent. Diese Feststellung muss jedoch überraschen, setzt man sie in Korrelation zu einer weiteren Entwicklung: Ihre Anwesenheit als Bild scheint sich umgekehrt proportional zu ihrer real fassbaren sozialen Nähe zu verhalten: Sie verschwinden im Alltag oder unterliegen, abgepackt als steriles und nicht mehr als Tier zu erkennendes Nahrungsmittel im Supermarkt, vielfältigen Strategien Weiterlesen

7. Das Tier als Wort bei Jacques Derrida: Das „l’animot“

Jacques Derridas Anknüpfungspunkt für die Beschäftigung mit dem Tier (hier zunächst als Gattungsbezeichnung) nimmt seinen Ausgang in der Begegnung mit seiner eigenen Katze:

 „L‘animal nous regarde, et nous sommes nus devant lui. Et penser commence peutêtre là.“ (L’animal que donc je suis, 279.)

In der plötzlichen Blickbegegnung – die Katze “ertappt” ihn, als er aus der Dusche kommt – bricht ein Moment der Anerkennung auf, der im Moment des Wechselspiels des ausgetauschten Blicks zwischen Tier und Mensch seinen Anfang nimmt. Anhand dieses Blickes ordnet Derrida die Geschichte westlicher Philosophie dem Paradigma der übersehenen Spur des blickenden Tieres zu. Derrida beschreibt seine Begegnung zunächst als ein Moment der Scham, eine vom fiktionalen oder realen Blick ausgelöste Reaktion gefühlter Blöße und des ungewollten Ausgeliefertseins. Er hält fest: Diese intuitive Scham ist abhängig vom Gegenüber und dessen Einschätzung; einem als gleichgültig eingeschätztem Objekt gegenüber kann nur schwerlich Scham empfunden werden. Scham wertet das oder den Gegenüber vielmehr auf, sie setzt Achtung voraus und wirkt zwischen mindestens hierarchisch Gleichgeordneten. Der schamerzeugende Blick setzt voraus, dass man vom Blick tatsächlich getroffen wird, er muss als Einbruch in die eigene Erfahrungswirklichkeit wahrgenommen werden, kann nicht kontrolliert oder nach eigenem Belieben gesteuert werden; er versetzt dem Empfänger in einen Status erzwungener Passivität. Elias Canetti hat dieses Blick-Erlebnis ebenfalls beschrieben: Der Mensch, der gewohnt ist, Tiere initiativ anzusehen (der Zoo bildet die entsprechende Institution dieser monodimensionalen Blickrichtung), wird hier auf eine fast vergessene Perspektive aufmerksam: Wenn die Tiere meist immer die Beobachteten sind, musste die Tatsache, dass auch sie den Menschen anblicken können, in Vergessenheit geraten. Derrida analysiert nun dieses Getroffensein vom Blick Weiterlesen

6. „Nilpferd, Teddie, Mammut“: Theodor W. Adorno & Max Horkheimer

Denkt man zunächst nur an die tierhaften Spitznamen, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno  füreinander verwendeten („Teddie“, „Nilpferd“, „Mammut“), könnte die grundlegende Ernsthaftigkeit, mit der sie sich innerhalb der sog. Kritischen Theorie auch dem Tier widmeten, schnell zugunsten einer oberflächlichen Sentimentalität aus dem Blick geraten. Tatsächlich aber liegt mit den Texten der beiden Autoren einer der wortmächtigsten und eindrücklichsten Entwürfe vor, der sich aus philosophischer bzw. soziologischer Perspektive dem, was wir Tier nennen, zugewandt hat.  Weiterlesen

5. Elektrische Schafe & Fledermäuse, deren Sein wir nicht nachempfinden können (Philip K. Dick und Thomas Nagel)

1968 erschien Philip K. Dicks Roman Do Androids dream of electric sheep?, verfilmt von Ridley Scott unter dem Titel Blade Runner (1982). In einer Welt (es geht um das Jahr 2019), die von Replikanten bedroht wird, die dem Menschen äußerlich identisch, aber körperlich weit überlegen sind, hängt das Überleben der Menschen von ihrer Fähigkeit ab, zwischen Mensch und Maschine unterscheiden zu können. Dazu greifen die Blade Runner auf eine Art Turing-Test zurück, der die Replikanten, die sich verbotener Weise unter die Menschen gemischt haben, aufspüren soll. Weiterlesen

4. Tobende Katzen & nachdenkliche Schimpansen: Die unausgesprochenen Voraussetzungen der Verhaltensforschung (Bertrand Russell)

Die Naturwissenschaft verdankt einen nicht unbedeutenden Teil ihrer Reputation dem Ideal objektiver Ergebnisse, die sie mittels ihrer empirischen Methodik in Aussicht stellt. Auch die Tierphilosophie hat vielfach auf Ergebnisse der Verhaltensforschung zurückgegriffen. Mit dem Verweis auf diese Ergebnisse schien sie sich gegen den Vorwurf der Befangenheit und der einseitigen Betrachtung absichern und so ihre eigenen Ergebnisse besser validieren zu können. Dass allerdings auch die Experimente naturwissenschaftlich-angeleiteter Verhaltensforschung von unausgesprochenen und beeinflussenden Voraussetzungen abhängen können, hat der englische Philosoph Bertrand Russell einmal ironisch-pointiert in Bezug auf zwei verschiedene Tierexperimente zum Ausdruck gebracht. Weiterlesen

3. Der Taubenwallnister und die moderne Effektivitätsmentalität (Douglas Adams)

Okay, Douglas Adams lässt sich nur über Umwege in die Riege der klassischen Philosophie einordnen. In die „alternative“ Philosophie dürfte er es mit „Per Anhalter durch die Galaxis“ dennoch in jedem Fall geschafft haben, und auch sein weniger bekannter Reisebericht „Die letzten ihrer Art. Eine Reise zu den aussterbenden Tieren unserer Erde“ enthält einige sehr bemerkenswerte und tierphilosophisch interessante Aspekte.

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