Maria S. Cristoff (2012): Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen

Die Coverabbildung von Maria Sonia Cristoffs Erzählband „Unbehaust“, eine Umarmung zwischen einem Löwen und einem älteren Mann, weckt zunächst sentimentalische Gefühle und Erinnerungen an eine lang vergangene Gemeinschaft. Erst beim genaueren Hinschauen tritt die Metallkette hervor, an der der Löwe hängt, aber auch die ambivalente Körpersprache des Mannes scheint zunehmend weniger für jene unbedingte Nähe zu sprechen. Dennoch muss das Foto, bemessen an der ahnungsvollen Ankündigung des Untertitels regelrecht verharmlosend wirken: Denn das, „was Menschen mit Tieren machen“, dürfte selbst für den freischwebenden Alltagsverstand mit weit düsteren Bildern als jenem des Covers assoziiert werden.

zoom_berenberg_book_c3fead567c22

In ihrem seitemmäßig überschaubaren Band erzählt die Autorin von ihren Beobachtungen aus dem Zoo in Buenos Aires, dort sucht sie, dem titelgebenden Zustand Weiterlesen

Advertisements

Gastbeitrag von Stefan Dehn: Tierphilosophie – eine kleine Skizze

Die Schwierigkeit einer Tierphilosophie liegt in dem Desinteresse oder dem Mangel der Tiere philosophisch ihre Existenz zu befragen. Eine Philosophie ausgehend vom Menschen kann nicht in einer Tierphilosophie enden. Es ist eine Menschenphilosophie, die sich Gedanken über Tiere macht. Nur insofern ist jede Menschenphilosophie auch Tierphilosophie, da der Mensch mit jedem anderen Lebewesen seine Herkunft teilt, er ein Tier unter Tieren ist. Wer sich in der Tierphilosophie versucht, hat sich zur Aufgabe gemacht für jene Lebewesen zu sprechen, denen keine reflexive Sprache zur Verfügung steht. Das Aussagenergebnis bleibt ein Wagnis. Der Mensch hat genug damit zu tun über sich selbst Auskunft zu geben, den Tieren Absichten, Wünsche und Interessen zuzuschreiben, kann dazu führen an dem Tier als Tier vorbeizuschreiben. Wer den Tieren gerecht werden will, muss Raum für die Möglichkeit zulassen, dass nichts von den eigenen Gedanken das Wesen des Tieres trifft.

P1450191_irf

Was die Tiere angeht, wollen es die Menschen schon immer gewusst haben, wie es um die Tiere steht. Von seelenlosen Automaten bei Descartes bis zu Haustieren, lustigen Spielgefährten der Menschen in der Jetztzeit, kämpft das Tier –metaphorisch gedacht – um sein Recht als Individuum mit der gleichen Würde wie sie sich der Mensch zuschreibt. Der Mensch hat eine Entwicklungsgeschichte durchschritten, die von Einzellern Weiterlesen

9. Eugen Roths „Tierleben“ – mit Schiller gelesen

„Geweiht dem großen Gott Thot,
Der Aff‘ einst aller Schrift gebot.
Auch spät‘ noch sehn wir seine Kraft
Ausstrahlen in die Wissenschaft:
Betrachten etwa wir genauer
Den großen greisen Schopenhauer,
So finden wir ihn, auch rein mähnlich,
Ein wenig Hamadryas-ähnlich.
Auch war, was man beweisen kann,
Der alte Herr ein Grobian.“

(Eugen Roth, Großes Tierleben, München: Hansa 1989, 26.)

Was für Hegel die Dialektik war, für Goethe die Beziehung von Systole und Diastole, für Schopenhauer der Wille, das war für Schiller das Gegensatzpaar von naiv und sentimentalisch. In ihm, so glaubte Schiller, habe er das Grundprinzip der Welt erkannt, von dem her sich potentiell alle Weltsachverhalte deuten ließen. Es ist wohl unnötig zu erwähnen, dass die Schillersche Welt, getragen von einem noch ungebrochenen Optimismus, vor allem jene der Kunst war, die den profanen Alltag der Menschen überhöhen und so zu einer Humanisierung der gesamten Menschheit beitragen sollte. Da Schiller seine Gegenwart kulturpessimistisch als durchaus überwindenswert ansah, führten in seinen Augen lediglich zwei Wege aus jener Kultur des Ganzheitsverlusts heraus: Die Weiterlesen

„Niemand verbrachte Zeit mit ihm, das hat uns das Herz gebrochen“: Warum Tiere retten?

Der US-Amerikanische Fotograf Theron Humphrey geht in seinem aktuellen Fotoprojekt „Why we resuce“ dem Phänomen der „geretteten“ Tiere nach. Dazu hat er Menschen interviewt und sie mit jenen Tieren fotografiert, die sie aus verschiedensten Notsituationen bei sich aufgenommen haben.

Bild

Herausgekommen ist ein beeindruckendes Porträt vielfältiger Freundschaften, das sich Humphrey zufolge auch als einen Appell für Weiterlesen

Sibylle Lewitscharoff (2011): Blumenberg

Sibylle Lewitscharoffs Figur Hans Blumenberg, jener 1996 verstorbene Münsteraner Philosoph, zitiert gern Wittgenstein: Wenn ein Löwe sprechen könnte, könnten wir ihn nicht verstehen. Im Denken Blumenbergs verbindet sich damit weniger die Einsicht in die grundsätzliche Fremdheit als konstitutivem Abgrund zwischen Tier und Mensch, als vielmehr der von ihm geprägte Gedanke, dass bestimmte Sprachbestände, beispielsweise Metaphern, niemals in Gänze logisch aufgelöst werden könnten, ohne sie dabei wesentlicher Bestandteile und Aussagegehalte ihrer selbst zu berauben. Als sprachlich-komprimierte Ausdrücke sind sie in einer Weise verdichtet, dass sie sich niemals ins „Eigentliche, in die Logizität“, und damit in die vom Menschen privilegierte Form des Wirklichkeitszugangs zurückbringen ließen.

Bild

Lewitscharoffs Blumenberg hält dies glücklicherweise nicht davon ab, über die Mensch-Tier-Beziehung nachzudenken. Seine Überlegungen fallen ernüchternd aus, da sie einen unverstellten Blick auf eine gewalthaltige und grausame Beziehung bieten, wie jener Topos eines frühkindlichen Ursprungsmythos, der die Tiere Weiterlesen

Roy Lichtenstein beim Metzger

Schon einmal überlegt, was die üblichen Zerlege- bzw. Zerschneidebildchen von Tieren, die die  Metzgereien verwenden, mit moderner Kunst zu tun haben? Beide scheinen sich völlig zu widersprechen, schließlich versteht sich moderne Kunst in ihrem Wesenskern als autonom, also jenseits aller funktionalen Zweckzusammenhänge, wie sie die Zerlegetafeln zweifelsohne verfolgen. Dazu fiel mir vor einiger Zeit ein Werk Roy Lichtensteins auf, die Bull Profile Series. In dieser Druckserie zeigt Lichtenstein die Transformation eines mimetischen, figurativen Bildes in eine geometrische Abstraktion aus elementaren Formen und Farben. Über graduelle Abstufungen verwandelt sich das Tier in seine Struktur bzw. Strukturelemente, bis auch diese schließlich radikal dekonstruiert werden. Es ist kaum möglich, in der höchsten Abstraktionsstufe noch jene Merkmale eines ganzheitlichen Lebewesens zu erkennen – vielleicht gilt das ja auch, und beabsichtigt, für die funktionalen Tafeln der Metzgereien.

Auf Schopenhauers Spuren: Ursula Wolf: Das Tier in der Moral (1990)

Image

In einer Zeit, in der das Thema „Tierethik“ einen erfreuliche Menge an Beachtung erfährt, läuft man gelegentlich Gefahr, die eigentlichen Klassiker und Vordenker zu vergessen, die die heute geführte Debatte überhaupt erst mit angestoßen haben.

Zu diesen Urgesteinen zählt Ursula Wolf zweifelsohne: Immer wieder hat sie sich in den letzten Jahren mit fundierten Beiträgen zu Wort gemeldet, und auch neuere Erscheinungen (z.B. Ethik der Mensch-Tier-Beziehung) werden in der Runde der Diskutierenden dankbar aufgenommen. In ihrem 1990 erschienenen, 2004 neu aufgelegten Standardwerk „Das Tier in der Moral“ wählt Wolf einen ebenso eleganten wie überzeugenden Angang: Sie setzt einerseits genau dort an, wo auch philosophisch-fachfremde Leser/innen auf unmittelbare Kontakt zur Tierwelt zurückgreifen können, nämlich in der Alltagserfahrung einer höchst widersprüchlichen Doppelstandard-Theorie unseres Umgangs mit Tieren. Argumentativ abgesichert, aber auch bewegend schildert sie die gern unter den Teppich gekehrten Grausamkeiten, die die typischen Formen der Tierhaltung ausmachen. Bei aller Emotionalität der Debatte enthält sie sich dabei jeglicher Form der reißerischen Darstellung. Konsequent dekonstruiert sie Scheinrechtfertigungen etwa in der Massentierhaltung, wie etwa die Annahmen, das tierliche Leiden sei Weiterlesen

„Die Natur ist nicht heilig“: Spiegel-Interview mit Will Kymlicka

zoopolis

„Die Natur ist nicht heilig“: Spiegel-Interview mit Will Kymlicka

Mit Will Kymlickas Veröffentlichung „Zoopolis“ wird die Diskussion um die Etablierung von Tierrechten um einen originellen Ansatz ergänzt – Kymlicka diskutiert in seiner Veröffentlichung, inwiefern Tierrechte als Bürgerrechte gedacht und umgesetzt werden können. Hier ein Link zu einem Spiegel-Online-Interview (ist ja z.Zt. noch verlinkbar, solange Blome dort nicht die Oberhand gewinnt) mit ihm.