Das Kind im Futtertrog – eine Provokation zu Weihnachten

Das Kind in der Krippe – ein biblisches Bild, so einnormalisiert wie traditionsreich, dass es kaum weiter auffällt. Und das ist ja vielleicht schon die bezeichnendste Weihnachtserfahrung, die wir alle kennen: Es geht bei Familienfesten, Weihnachtsbräuchen usf. stets darum, Konstanz und Tradition zu bewahren. Wer Weihnachten feiert, steht selbst heute unter keinerlei Erwartungsdruck, etwas Neues oder Innovatives auftischen zu müssen.

Dennoch bleibt beim Anblick dieses Weihnachtsmotivs etwas untergründig Irritierendes zurück: Das Kind im Futtertrog der Tiere – drei Mal wird es in der Weihnachtsgeschichte bei Lukas (Lk 2,6.12.16) erwähnt. Wer sich exegetisch kundig macht, erfährt schnell, dass diese Geschichte Weiterlesen

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Die Futterschale, oder: Vom Mehrwert der Unterscheidungsfähigkeit

Nach einer kurzen Meditation über folgendes, mir freundlicherweise gemailte Screenshot

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nutze ich die weihnachtliche Freizeit für einige kurze Reminiszenzen an unsere alte Bochumer Wohnung. Dort gab es die (zumindest für uns) sehr nette Möglichkeit, Futterschalen für die Vögel an den Fensterbrettern aufzustellen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit hatte dies zur Folge, dass eine ganze Heerschar an verschiedensten Vögeln dort aktiv wurde. Ich gebe gern zu, dass mein Wissen über die örtliche Vogelwelt in den Zeiten vor der Futterschale (= v. F.) mit „diffus“ noch sehr wohlwollend umschrieben ist.

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Gut, eine Amsel oder Taube von einem Rotkehlchen zu unterscheiden, war machbar, jenseits dieser Weiterlesen

Das dog-shaming-Phänomen

Der Hunde wie auch Katzen-Beschämungsprozess ist in vollem Gange, seit längerem schon häufen sich die Seiten jener mitunter durchaus spaßigen Bilder, die „tierliches Fehlverhalten“ dokumentieren. Nicht selten wird dabei am digitalen Pranger auf bewährte Ikonografien zurückgegriffen, so etwa die dem Tier um den Hals gebundene Pappe mit einem die „Schandtat“ erklärenden Schriftzug.

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Der eine oder andere Lacher bleibt bei vielen Bildern nicht aus, zumal sie häufig mit einem liebevollen Augenzwinkern daherkommen. Das ganze Phänomen besitzt allerdings noch weitergehendes Deutungspotential. Die Hunde-Beschämung ist schließlich ein merkwürdiges Unterfangen, aus gleich mehreren Gründen. Man könnte anführen, dass Scham als Gefühl nicht verordnet werden kann. Das ist sicher richtig, trifft aber nur bedingt den Kern des Phänomens, schließlich weist die Blickstruktur des Bildes auf einen ganz anderen Adressaten als das jeweilige Tier selbst hin. Denkt man die Blickrichtung, die auch die Aussagerichtung abbilden dürfte, konsequent zu Ende, trifft sie Weiterlesen

Vielseitigkeit der Quälerei

Vielseitigkeit der Quälerei

Allenthaben beweinen die Medien gerade den tödlichen Unfall eines „Vielseitigkeitsreiters“. Was individuell zweifellos tragisch ist, verrät in verallgemeinernder Perspektive jedoch schnell die Systematik hinter einem angeblichen Sport, der Tierquälerei immer schon billigend in Kauf genommen hat. Aus der augenblicklichen Tragödie … Weiterlesen

Roy Lichtenstein beim Metzger

Schon einmal überlegt, was die üblichen Zerlege- bzw. Zerschneidebildchen von Tieren, die die  Metzgereien verwenden, mit moderner Kunst zu tun haben? Beide scheinen sich völlig zu widersprechen, schließlich versteht sich moderne Kunst in ihrem Wesenskern als autonom, also jenseits aller funktionalen Zweckzusammenhänge, wie sie die Zerlegetafeln zweifelsohne verfolgen. Dazu fiel mir vor einiger Zeit ein Werk Roy Lichtensteins auf, die Bull Profile Series. In dieser Druckserie zeigt Lichtenstein die Transformation eines mimetischen, figurativen Bildes in eine geometrische Abstraktion aus elementaren Formen und Farben. Über graduelle Abstufungen verwandelt sich das Tier in seine Struktur bzw. Strukturelemente, bis auch diese schließlich radikal dekonstruiert werden. Es ist kaum möglich, in der höchsten Abstraktionsstufe noch jene Merkmale eines ganzheitlichen Lebewesens zu erkennen – vielleicht gilt das ja auch, und beabsichtigt, für die funktionalen Tafeln der Metzgereien.

Obama „begnadigt“ Truthähne: Einige Gedanken über Gnade, Gerechtigkeit und Schuld

Soll man sich freuen über die alljährliche Tradition des Weißen Hauses, ein bis zwei Truthähne aus einer Menge von schätzungsweise 46.000.000 Tieren zu „begnadigen“? Ist das tatsächlich ein Akt demütigen Leisetretens und vorweihnachtlich-besinnlicher, schuldbewusster Selbstreflexion? Zu vermuten ist in jedem Fall, dass dieser Eindruck zumindest systematisch erzeugt werden soll, dies belegen allein die tief-ernst dreinblickenden Mienen der Obama-Family angesichts der heldenhaften Truthahnrettung. Trotzdem lässt diese arachaisch-anmutende Begnadigungsgeste den einen oder die andere sicherlich mehr fragend denn verständig zurück, und das zu Recht. Begnadigen ist als Verbform schließlich kaum noch zum aktiven Alltagsvokabular zu zählen, bestenfalls bringt man sie mit kirchlicher Frömmigkeit oder Anträgen der RAF an den Bundespräsidenten in Verbindung. Der Wortbedeutung nach drückt Gnade das Erfahren unverdienter Gunst aus: Und da sie unverdient ist,  kann sie nicht nach den Regeln Weiterlesen

„Die Natur ist nicht heilig“: Spiegel-Interview mit Will Kymlicka

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„Die Natur ist nicht heilig“: Spiegel-Interview mit Will Kymlicka

Mit Will Kymlickas Veröffentlichung „Zoopolis“ wird die Diskussion um die Etablierung von Tierrechten um einen originellen Ansatz ergänzt – Kymlicka diskutiert in seiner Veröffentlichung, inwiefern Tierrechte als Bürgerrechte gedacht und umgesetzt werden können. Hier ein Link zu einem Spiegel-Online-Interview (ist ja z.Zt. noch verlinkbar, solange Blome dort nicht die Oberhand gewinnt) mit ihm.

Rilkes „Panther“, Foucaults Panoptikum und die Google Bildersuche

Für meinen Deutsch-Grundkurs war ich heute auf der Suche nach sinnvollem Material, um das Metrum in Rilkes ‚Panther‘

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt

auf halbwegs interessantem und nicht allzu bemühtem Wege erarbeiten zu lassen. Dazu gehörte ein kurzer Ausflug in die Welt der Google-Bildersuche, den ich hier nur empfehlen kann: Man kombiniere die Suchbegriffe „Zoo“ und „Langeweile“ – herauskommt ein zwar bedrückendes, aber auch einprägsames Durcheinander von Fotografien zu einer Institution, deren kolonial-machtbesessener Ursprung längst klar gemacht haben sollte, dass es für diesen Orte der Quälerei weder Platz noch Verständnis geben sollte.

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Besonders interessant – oder besser: perfide – sind Zoos, wenn sie die Tiere dem menschlichen Blick in Gänze ausliefern Weiterlesen

Menschen retten, Tiere töten: Die neue Philosophie des DRK

Menschen retten, Tiere töten: Die neue Philosophie des DRK

Heute hat es das DRK Freiberg mit einer recht eigenwilligen Performance in die Spiegel-SPAM-Kategorie geschafft: In Freiberg veranstaltet es demnach ein „Schlachtfest“ und verbindet damit auf unreflektierte Art und Weise enormes Tierleid mit der Bespaßung einer blutdürstigen Anwohnerschaft. Sicher freuen sich die Hinterwälder über einen herzlichen Kommentar in ihrem Gästebuch.