„Wir sind die wahren Länder“: Tierkörper & Geografie

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Meines Wissens gebührt dem niederländisch-kanadischen Schriftsteller Michael Ondaatje die Ehre, im Bereich der Literatur zuerst auf die metaphorische Beziehung von Körper und Landschaft aufmerksam gemacht zu haben – in der bildenden Kunst gibt es sie freilich schon länger. In seinem „Englischen Patienten“ ist mir die Metapher erstmals begegnet, seitdem hat sie den einen oder anderen Gedanken begleitet und sich im Rückblick sowohl mit Blick auf ihre Plausibilität als auch hinsichtlich ihrer ästhetischen Überzeugungskraft bewährt.

„Ich möchte von all dem Spuren auf meinem Körper.
Wir sind die wahren Länder,
nicht die Grenzen auf den Karten,
mit den Namen mächtiger Männer.“

In Ondaatjes Texten wird die Landschaft des Körpers immer wieder zu einem zentralen Motiv, von dem her Begegnungen als Reisen in andere Länder, das Älterwerden als Ausschärfung geografischer Strukturen Weiterlesen

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Marlen Haushofer: Die Wand

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Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ habe ich zum ersten Mal kurz vor dem Abitur gelesen. Er gehört zur kleinen Gruppe jener Bücher, die ich tatsächlich ohne Pause, ohne jede Unterbrechung am Stück durchgelesen habe. Ohne dass ich ihn damals bereits auf dem „tierphilosophischen Auge“ wahrgenommen hätte, ist er mir heute genau deswegen erneut in die Hand gefallen, und genau betrachtet lenkt bereits die dtv-Ausgabe, die Franz Marcs „Tierschicksale“ auf dem Cover trägt, den Blick in diese Richtung.

Die Erzählung setzt ein mit einem gefühlten Ende und einer bereits für sich genommen dramatischen Situation: Die Hauptfigur findet sich, nach einem Besuch bei ihrem Bruder in einer Jagdhütte in den Bergen, in einer Welt wieder, die gewissermaßen über Nacht Weiterlesen

Auf Schopenhauers Spuren: Ursula Wolf: Das Tier in der Moral (1990)

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In einer Zeit, in der das Thema „Tierethik“ einen erfreuliche Menge an Beachtung erfährt, läuft man gelegentlich Gefahr, die eigentlichen Klassiker und Vordenker zu vergessen, die die heute geführte Debatte überhaupt erst mit angestoßen haben.

Zu diesen Urgesteinen zählt Ursula Wolf zweifelsohne: Immer wieder hat sie sich in den letzten Jahren mit fundierten Beiträgen zu Wort gemeldet, und auch neuere Erscheinungen (z.B. Ethik der Mensch-Tier-Beziehung) werden in der Runde der Diskutierenden dankbar aufgenommen. In ihrem 1990 erschienenen, 2004 neu aufgelegten Standardwerk „Das Tier in der Moral“ wählt Wolf einen ebenso eleganten wie überzeugenden Angang: Sie setzt einerseits genau dort an, wo auch philosophisch-fachfremde Leser/innen auf unmittelbare Kontakt zur Tierwelt zurückgreifen können, nämlich in der Alltagserfahrung einer höchst widersprüchlichen Doppelstandard-Theorie unseres Umgangs mit Tieren. Argumentativ abgesichert, aber auch bewegend schildert sie die gern unter den Teppich gekehrten Grausamkeiten, die die typischen Formen der Tierhaltung ausmachen. Bei aller Emotionalität der Debatte enthält sie sich dabei jeglicher Form der reißerischen Darstellung. Konsequent dekonstruiert sie Scheinrechtfertigungen etwa in der Massentierhaltung, wie etwa die Annahmen, das tierliche Leiden sei Weiterlesen

Wassili Grossman: Tiergarten (1940-63)

Das zerbombte Berlin des zweiten Weltkriegs stellt den Schauplatz für Wassili Grossmans Erzählung Tiergarten dar – im dortigen Zoologischen Garten kümmert sich der Protagonist Ramm, ein in die Jahre gekommener Tierpfleger, aufopferungsvoll um die Zootiere, deren Leiden angesichts der Weltkriegsgräuel von der Außenwelt nur zu gern ausgeblendet wird.

9783546004374

Mit schlaftrunkener Sicherheit sorgt er beständig und entgegen aller Kriegsgefahr für ihr Auskommen, Weiterlesen